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Morgenglosse

Brüsseler Reisezuckerl mit Nachgeschmack

Die EU-Kommission animiert ihre Beamten dazu, wie jedes Jahr ins Ausland auf Weihnachtsferien zu fahren - und untergräbt damit ihren eigenen Appell, im Kampf gegen die Seuche Verzicht zu üben.

Ab 10. Dezember wird es noch stiller in den kraft Home-Office-Anordnung ohnehin schon seit Monaten ziemlich stillen Brüsseler Büros der Europäischen Kommission. Denn ab diesem Tag dürfen die Kommissionsbeamten vom Ausland aus telearbeiten. Zweck der Regelung, über welche die belgische Tageszeitung „Le Soir“ als erste berichtete: die Eurokraten sollen rechtzeitig vor dem Genuss ihrer Weihnachtsferien in der Heimat die gesetzlich vorgeschriebenen Quarantäne absolvieren können, die in den meisten europäischen Ländern 14 Tage betragen. Damit sie für diese Quarantäne keine Urlaubstage verbrauchen müssen, dürfen sie - entgegen der bisherigen Regelung - fern des Dienstortes Brüssel telearbeiten.

Auf den ersten Blick eine pragmatische Regelung: statt däumchendrehend in pandemiebedingter Isolation zu hocken, ist es besser, wenn die Beamten in diesen zwei Wochen wenigstens aus der Ferne arbeiten. Auf den zweiten Blick jedoch regt sich Ärger. Denn nicht nur EU-Beamte, auch Normalsterbliche mit Verwandtschaft im Ausland würden diese gerne zu den Feiertagen besuchen. Für die gibt es jedoch keine Quarantänezuckerl. Sie müssen Urlaubstage dafür opfern - von denen sie ohnehin weniger haben als die EU-Beamten (die bekommen unter anderem allein für die Reise an ihren Herkunftsort zweieinhalb zusätzliche Urlaubstage pro Jahr; als ob An- und Abreise nicht Teil des Urlaubes wären...).

Und abgesehen davon: sind wir heuer nicht alle dazu angehalten, auf Reisen zu verzichten, um uns einen dritten Lockdown zu ersparen? Ursula von der Leyen, Präsidentin der Kommission, ist sich des Ernstes der Lage und der Notwendigkeit, heuer persönlich zurückzustecken, bewusst: „Wir müssen vom Sommer lernen und nicht dieselben Fehler wiederholen. Zu schnell und zu viel zu lockern bringt das Risiko einer dritten Welle nach Weihnachten mit sich“, sagte sie am Dienstag im Europaparlament. „Vor Wochen sagte ich, dass diese Weihnachten anders sein werden. Und ja, sie werden stiller sein."

Auf die Frage der „Presse“, ob die Kommission ihren Mitarbeitern, die sich ja zu den Festtagen über den ganzen Kontinent verstreuen werden und somit das Risiko mit sich tragen werden, das Virus zu verschleppen, eine Dienstanweisung in Sachen Weihnachtsferien gegeben habe, sagte ein Sprecher am Mittwoch, die Beamten seien angehalten, den Vorschriften des Staates ihres jeweiligen Dienstortes Folge zu leisten. „Man muss kein Virologe sein um zu wissen, dass die Ferien ein großes Risiko mit sich bringen“, sagte Belgiens Regierungschef, Alexander De Croo, dieser Tage zum Thema

Der Hausverstand sagt: heuer lieber nicht auf Winterurlaub fahren, Weihnachten via Skype und Zoom mit den Lieben daheim feiern. Ist es zu viel verlangt, dass die Kommission in dieser existenziellen Frage als Vorbild vorangeht, statt ihren Beamten Auslandsreisen zu erleichtern?