Es gibt viele Arten von kindlicher Einsamkeit: allein durch die Stadt streifen, in die Welt des Digitalen eintauchen, in eine neue Schule gehen müssen oder einfach krank sein. Wie Kinder Krisen bewältigen: eine Auswahl kluger, winterlicher Kinder- und Jugendliteratur.
WEBBING-INSEL UND APP-ARCHIPEL.
Wenn es ums Digitale geht, lernen Erwachsene heute von ihren Kindern, nicht umgekehrt. Man könnte also dem Buch „The Game“ mit Skepsis begegnen; immerhin erklärt hier ein über 60-Jähriger Kindern den „digitalen Planeten“. Das Misstrauen ist aber unberechtigt. Um die Nutzung digitaler Möglichkeiten geht es in „The Game“ gar nicht, sondern um ein Verständnis dessen, wie die digitale Zivilisation entstanden ist, und nach welchen Gesetzen sie funktioniert. Der sonst eher für Erwachsene schreibende italienische Bestsellerautor Alessandro Baricco hat als TV-Moderator klug und unterhaltsam einer breiten Öffentlichkeit Literatur nähergebracht. In seinem gemeinsam mit Sara Beltrame geschriebenen, von Tommaso Vidus Rosin kongenial illustrierten Kinderbuch unternimmt er Ähnliches mit der Welt des Digitalen. Er habe selbst dringend „eine Karte“ dieser Welt gebraucht, schreibt er – und „weil ich keine gefunden habe, setzte ich mich hin und versuchte, selbst eine zu zeichnen“. Unversehens wurde daraus „ein Plan für kleine Kinderhände“. Er führt in vertraulichem, so gar nicht belehrendem Ton von Insel zu Insel, kein Lehrer, sondern ein Mitentdecker; da gibt es die Computer- und die Computerspielinsel, die Web- und die Webbing-Insel, die Insel des Handels, der sozialen Medien, der Smartphone, das App-Archipel . . . Und ganz vieles von dem hier Erzählten wissen wohl die allerwenigsten Zehnjährigen: über die ersten Übersetzungen der Welt in Nullen und Einser etwa, über digitale Dinosaurier wie den Commodore 64 oder den ersten PC von IMB 1981, beworben als Tool fürs Klassenzimmer. Oder über das schon 1978 kreierte japanische Alien-Killerspiel „Space Invaders“, für das man noch in Spielhallen gehen und eine 100-Yen-Münze in den Automaten werfen musste; es wurde von so vielen Japanern gespielt, dass die 100-Yen-Münzen knapp wurden . . . Alessandro Ba-ricco, Sara Beltrame, Tommaso Vidus Rosin: Game. Eine Reise durch die digitale Welt. Aus dem Italienischen von Claudia Koch. Ab 9 Jahren. 120 S., € 18,90 (Midas Verlag, Zürich).
MIT ZEITMASCHINE ZUM KÄSEFEST.
Eine Maus will verstehen, was die Zeit ist, denn erstens lässt sich diese durch verdrehte Uhrzeiger nicht beeindrucken, und außerdem hat die Maus das Schweizer Käsefest versäumt und würde gern dorthin zurück. Sie findet Bücher von Albert Einstein, baut sich eine Zeitmaschine, reist aber irrtümlich in das Jahr 1905 – was immerhin den Vorteil hat, dass sie den berühmten Physiker persönlich kennenlernt. Am Ende gelangt sie doch sie noch zu ihrem Käsefest. Naturwissenschaftliche Neugier, zugleich die Freude an einer reizenden Geschichte mit nostalgische Behaglichkeit verströmenden Illustrationen befriedigt der deutsche Kinderbuchautor und Illustrator Torben Kuhlmann. Lindbergh, Armstrong und Edison hießen die Titel seiner großformatigen Mäuseabenteuer bisher, jetzt ist „Einstein“ an der Reihe. Kuhlmanns Bücher sind sicher auch deshalb so erfolgreich, weil sie Eltern ansprechen, die in jede Kinderbeschäftigung Bildung hineinschmuggeln wollen und darüber hinaus den zärtlichen Retro-Stil der Illustrationen genießen können. Aber warum auch nicht? Hauptsache, die Kinder haben ebenfalls ihre Freude daran.Torben Kuhlmann: Einstein. Die fantastische Reise einer Maus durch Raum und Zeit. Ab 5 Jahren. 128 S., € 22,70 (NordSüd Verlag, Zürich).