Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl
Feinstaub

Warum E-Autos Feinstaub-Problem nicht lösen

Für Feinstaub gilt: Nicht die Dosis macht das Gift, sondern die Quelle
Für Feinstaub gilt: Nicht die Dosis macht das Gift, sondern die QuelleAPA/BARBARA GINDL
  • Drucken

Die Feinstaub-Menge zu verringern ist wichtig, aber nicht ausreichend: Das ist die Quintessenz zweier Arbeiten, die vor kurzem veröffentlicht worden sind. Und in einer dritten wird ein Zusammenhang zwischen Feinstaub und der Zahl der Covid 19-Todesopfern hergestellt, zumindest in den USA.

Feinstaub ist nicht gleich Feinstaub: Das ist einer der Nenner, auf den sich zwei Studien bringen lassen, die im November von Schweizer Forschern veröffentlicht worden sind. Marianne Geiser, emeritierte Professorin am Institut für Anatomie der medizinischen Fakultät der Universität Bern hat anhand von realitätsnahen Lungen-Zellkulturen nachgewiesen, dass es die Herkunft des Feinstaubs ist, die darüber entscheidet, wie stark die Folgewirkung für den Organismus ist. Geiser: „Uns ist es zum ersten Mal gelungen detailliert nachzuweisen, wie das natürliche Abwehrsystem der Atemwege reagiert, wenn es in Kontakt mit bestimmten Feinstäuben kommt – und wie sich die Folgen verstärken, wenn die Lunge durch eine Erkrankung geschwächt ist, etwa durch Asthma oder Cystische Fibrose.“

Die Wirkung auf die Gesundheit steht und fällt mit der Herkunft und damit der konkreten Zusammensetzung des Feinstaubs, nicht automatisch mit der Menge oder Größe der Feinstaub-Partikel. Die stärkste Beeinträchtigung wird durch metallische Komponenten (aus dem Abrieb von Bremsen und Reifen) und durch Partikel aus der Verbrennung von Holz hervorgerufen. Untersucht wurden ausschließlich die Partikel – gasförmige Schadstoffe (etwa Stickstoff-Verbindungen) wurden nicht betrachtet.

Entscheidender Faktor beim Feinstaub ist nicht die Menge, sondern das oxidative Potential, also die Aggressivität des Feinstaubs. „Obwohl es natürlich unzweifelhaft besser ist, wenn die Feinstaub-Menge geringer wird“, so Geiser, „so ist damit nicht gesagt, dass die gesundheitlichen Folgen im gleichen Ausmaß abnehmen.“ Feinstaub von 2,5 Mikrometern (2,5/1000 eines Millimeters, Anm. d. Red.) macht etwa zwei Drittel des gesamten Feinstaubs aus. „Es sind sehr viele einzelne Partikel, sodass deren Oberfläche insgesamt groß ist.“ Je größer die Oberfläche, desto mehr Kontaktfläche zum Lungengewebe, desto eher wird das oxidative Potential zum Problem.

Die Berner Studie zeigt, dass die Aggressivität des Feinstaubs von Auto und Holzverbrennung weitaus höher ist als Feinstaub aus anderen Quellen. Dies weiß man deshalb so gut, weil Wissenschaftler des Paul Scherrer Instituts (PSI) in Villigen, Schweiz, die Herkunft der Feinstaubproben analysiert haben. PSI-Forscher Kaspar Dällenbach: „Wir können noch immer nicht abschließend sagen, welche einzelnen Stoffe welche chemischen Reaktionen auslösen und welche Auswirkungen das auf die Gesundheit hat. Wohl aber können wir jetzt sagen, aus welchen Quellen der Mix kommt, der problematisch ist.“

Angesichts der Erkenntnisse der Schweizer Forscher wäre selbst eine komplette Umstellung des Individualverkehrs keine Lösung des Feinstaubproblems in Städten, denn die Belastung durch Bremsen- und Reifenabrieb blieben bestehen. Der Vollständigkeit halber ist dazuzusagen, dass es Projekte gibt, Bremsen besser abzukapseln, sodass weniger Feinstaub nach außen gelangt. Und das Wegfallen der Abgase aus dem Auspuff sei jedenfalls zu begrüßen, auch wenn insbesondere Batterien viele Umweltfragen aufwerfen, „die direkte und indirekte Gesundheitsfolgen haben können“, sagt Hans-Peter Hutter, Umweltmediziner der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin im Zentrum für Public Health der Med-Uni Wien.

„Die Schweizer Studien unterstreichen jedenfalls, worauf zahlreiche experimentelle Arbeiten mit Versuchspersonen und speziell epidemiologische Daten hingedeutet haben.“ Hutter wünscht sich in der Umweltpolitik die Entschlossenheit, die es seit dem Frühjahr angesichts der Maßnahmen gegen die Corona-Krise gibt. Nicht zuletzt deshalb, weil es mittlerweile erste Anzeichen für einen plausiblen Zusammenhang zwischen Feinstaub-Belastung und Schwere der Corona-Erkrankungen gibt.

„Erste Anzeichen“ deshalb, weil die Kausalität noch nicht nachgewiesen ist. Die Erkenntnisse basieren auf der Auswertung statistischer Daten, die über Feinstaubbelastung und schwere Krankheitsverläufe bei und Todesfälle durch Corona vorliegen. Obwohl nur statistische

Berechnungen sind die Ergebnisse durchaus plausibel. Hutter: „Die entzündliche Reaktionen in den Atemwegen und der oxidativer Stress, der durch Partikel aber auch durch Stickstoffdioxid verursacht werden, schwächen die epitheliale Zellbarriere und ebenfalls die Immunabwehr gegenüber Krankheitserregern – damit erhöht sich die Infektanfälligkeit.“

Analysiert wurden jedenfalls die Daten aus 3089 Counties – in den US-Bundesstaaten gibt es knapp 3150 Verwaltungseinheiten. Die statistische Erfassung endete am 18. Juni – mit diesem Tag waren in  den USA 116,747 Corona-Tote registriert (mittlerweile sind es mehr als 260.000). In 1244 Counties waren damals keine Corona-Toten gemeldet. Bei den Schadstoff-Daten aus den übrigen 1845 Counties wurden ein Mittelwert der Belastung der Feinstaub-Partikel von 2,5 Mikrogramm herangezogen. Ergebnis dieser Berechnung des Department of Biostatistics der „Harvard T.H.Chan School of Public Health“ in Boston: Wenn die Feinstaubbelastung um 1 μg/m3 steigt, dann gab es statistisch eine um 11 % höhere Zahl der Corona-Toten.