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Orbán-Freund

Ungarn: Entsetzen nach Sager über „Gaskammer“

Szilárd Demeter (44).
Szilárd Demeter (44).(c) Flickr (Elekes Andor)
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Kulturfunktionär in Ungarn sieht Polen und Ungarn als „neue Juden“ und George Soros als „Vergifter“ Europas.

Budapest. Ein hoher, regierungsnaher Funktionär des Kulturbetriebs in Ungarn sorgte am Wochenende mit einem Kommentar auf einem Internetportal für Entsetzen. Der Leiter des Budapester Petöfi-Literaturmuseums, Szilárd Demeter, warf dem ungarischstämmigen US-Investor George Soros vor, Europa zu „seiner Gaskammer“ gemacht zu haben. „Aus den Fässern der multikulturellen offenen Gesellschaft strömt das Giftgas, das für die europäische Lebensform tödlich ist“, schrieb der 44-Jährige in dem ebenfalls regierungsnahen Medium.

Ungarn und Polen seien „die neuen Juden“. Der in Rumänien gebürtige Demeter äußerte sich zum EU-Haushaltsstreit, wo Warschau und Budapest Budgetbeschlüsse über 1,8 Billionen Euro sperren. Das soll einen „Rechtsstaatsmechanismus“ stoppen, durch den Staaten, wo die Unabhängigkeit der Justiz leidet, EU-Geld verlören.

Demeter leitet seit 2018 das Petöfi-Museum. Für kritische Quellen gilt er als „Nobody“, der mit mäßig Erfolg literarisch und musisch tätig war und sich in der Regierungspartei Fidesz im Kulturbereich hocharbeitete. Er habe indes von Literatur wenig Ahnung, stehe extrem rechts und pflege einen rüden Ton inklusive Gewaltandrohungen. Der bedeutende ungarische Dichter Lajos Parti Nagy (67) soll sich weigern, das Museum zu betreten, solang Demeter es leitet.

Nach Protest Rückzug von Stellungnahme

Nach heftigen Protesten von in- und ausländischen Politikern, Diplomaten, jüdischen und nicht-jüdischen Organisationen zog Demeter am Sonntag den Kommentar zurück.

"Meinen Kritiker gebe ich insofern Recht, als dass Nazi-Zuschreibungen heutzutage eine Relativierung bedeuten und Nazi-Vergleiche selbst unwillkürlich das Andenken der Opfer verletzen", schrieb er in einer Erklärung, die das regierungsnahe Portal "Index.hu" veröffentlichte. Der Literaturfunktionär genießt in Fragen der Kulturpolitik das uneingeschränkte Vertrauen des rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orbán.

Protest gegen Orbán-Freund

Ungarns Premier kampagnisierte mehrfach gegen den Holocaust-Überlebenden Soros (90). Er wolle etwa Europa mit Moslems „überfluten“, um Europas Identität zu löschen. Demeter nennt sich „fanatischen Orbánist“ und ist ein Vertrauter des Premiers.

Der Verband Ungarischer Juden und das Internationale Auschwitz Komitee protestierten: Europa „Gaskammer“ zu nennen, sei „geschmacklos“; Juden und Holocaustüberlebende seien ob der „bizarren Hetze angewidert“. In Österreich forderten die Neos von der Bundesregierung eine Verurteilung. Im „Regime Orbáns“ würde ein Beamter so etwas nie ohne dessen Sanktus sagen. (ag./red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2020)