Finanzdirektor Richard Grasl kritisiert das Vorgehen bei Postenbesetzungen und die WM-Karten-Affäre. Er bleibt dabei: Als ORF-General wolle er sich nicht bewerben.
„Die Presse“: Im ORF ist Wahlkampf. Jede Postenbesetzung gerät zum politischen Tauziehen.
Richard Grasl: Das ORF-Wahljahr spüre ich nur, wenn es von anderen thematisiert wird. Bei den jüngsten Personalentscheidungen in Ö1, bei den TV-Magazinen und in der Wissenschaft stört mich jedoch, dass es bei vielen Bewerbern Verletzungen und Beschädigungen gegeben hat. So sollte man mit Talenten im ORF nicht umgehen.
Die ÖVP ist auf die SPÖ schlecht zu sprechen. Wirkt sich das auf Ihr Gesprächsklima mit ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz aus?
Grasl: Unser Gesprächsklima ist ein sehr konstruktives. Das sieht man auch an den Erfolgen, die wir nicht hätten, wenn das Klima zwischen uns nicht stimmen würde: Wir haben das erste Halbjahr mit einem konsolidierten positiven EGT von 5,1 Millionen Euro abgeschlossen – und lagen damit über Plan.
Werden Sie sich als Generaldirektor bewerben?
Grasl: Ich habe schon mehrfach gesagt, dass ich nicht als ORF-Generaldirektor kandidieren werde. Ich fühle mich als kaufmännischer Direktor sehr wohl. Wenn mich ein neuer Generaldirektor für diese Funktion vorschlägt, werde ich mich bewerben.
Oder Sie werden Fernsehdirektor.
Grasl: Der neue Generaldirektor wird entscheiden, ob es den überhaupt geben wird.
Wieso leistet es sich der ORF, dass der Hörfunkdirektor um teures Geld auf einem Beraterposten geparkt wird, um für eine politische Personalrochade Platz zu machen?
Grasl: Personalentscheidungen auf Geschäftsführerebene sind Sache des Eigentümers – also des Stiftungsrats. Willy Mitsche hat sich entschlossen, einen Schritt zurückzutreten – das ist zu respektieren. Er hat vertragliche Ansprüche – klar, dass das kostet.
Teuer ist den ORF die Fußball-WM gekommen, weil er auf WM-Karten sitzen geblieben ist. Das kostet angeblich 20.000 Euro.
Grasl: Wir konnten den Schaden reduzieren – Elmar Oberhauser hat nachverhandelt. Mir geht es vor allem um die Symbolik: In den Redaktionen wird jeder Euro umgedreht – da kann es nicht sein, dass man 130 WM-Karten verfallen lässt. Wir haben nichts zu verschenken. Die Karten sollten an Partner und Kunden vergeben und an Mitarbeiter verkauft werden. Es gab aber geringe Nachfrage, Südafrika ist weit – so was muss man schon im Vorfeld abchecken und nicht so viele Karten nehmen. Oder man sorgt zeitgerecht dafür, dass man nicht drauf sitzen bleibt.
TV-Chefredakteur Karl Amon ist mit ORF-Tickets zur WM gefahren. Hat er sie bezahlt?
Grasl: Die werden bei der nächsten Gehaltsabrechnung abgezogen – so wie alle anderen ORF-Leistungen, die er in Anspruch genommen hat.
Der Stiftungsrat fordert Auskunft über „Chili“ und die Kosten. Es heißt immer, „Chili“ wäre gar nicht so kostspielig – dabei hat Dominic Heinzl ein teures Studio und neueste Technik.
Grasl: „Chili“ verursacht 3,3 Millionen Euro an laufenden Kosten pro Jahr – da ist das Studio nicht eingerechnet. Natürlich schauen wir, wenn wir etwas einrichten, dass wir auf dem neuesten Stand sind – aber man muss die Kosten dafür in die Waagschale werfen. „Chili“ bekommt im Herbst einen neuen Sendeplatz, Heinzl ein wöchentliches Magazin im Spätabend, „Backstage“ wird es nicht mehr geben: Ich bin nun beauftragt, den Vertrag entsprechend anzupassen. Klar ist für mich, dass die neuen Sendungen keinen Euro mehr kosten als bisher.
Und was wird auf dem bisherigen Sendeplatz von „Chili“ gegen die „ZiB“ laufen?
Grasl: Wir spielen derzeit eine US-Serie. Das kommt beim jungen Publikum besser an als „Chili“, wo etwa 50 Prozent mehr Zuschauer dran sind. „Chili“ hat bei den Jungen neun Prozent, Charly Sheen kommt auf 15Prozent Marktanteil. Das ist mir sehr wichtig, weil die Werbewirtschaft interessiert ist, dass das junge Publikum dort dran ist. In der neuen Konstellation bin ich zuversichtlich, dass es besser läuft und der harte Konkurrenzkampf gegen unsere Spitzensendung „Zeit im Bild“ für Heinzl wegfällt.
IN ZAHLEN
■Im 1.Halbjahr 2010 erwirtschaftete der ORF ein positives Ergebnis (EGT) von 5,1Mio. Euro. Als Grund nennt der ORF Kosteneinsparungen und Werbeerlöse, die um 3,7Mio. Euro über Plan lagen.
■Eine Gebührenerhöhung wird es bis 2013 nicht geben. Das neue ORF-Gesetz sieht eine Evaluierung alle fünf Jahre vor – die letzte Gebührenerhöhung fand 2008 statt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2010)