Fürs Wochenende bin ich wieder einmal aus Wien geflüchtet, um die Kinder vom Urlaub auf dem Bauernhof abzuholen.
Aber schon habe ich wieder Sehnsucht nach meiner Wahlheimat an der schmutzig-blauen Donau. Immerhin muss ich am 10. Oktober wählen gehen und bin wie immer unentschlossen. Noch ist mir ein Rätsel, was die Bewerber wirklich wollen. Die reden über Blut und Milch, bald werden sie wahrscheinlich übers Wasser streiten oder gar über Körperflüssigkeiten, um von festeren Problemen abzulenken.
Also borge ich mir den iPod meines Sohnes aus, um zu sehen, was Häupl & Co. auf „YouTube“ von sich geben, man ist ja selbst in der entlegensten Steiermark vernetzt. Was also bietet Wien hier oben auf der Alm? Die Zugriffe werden doch ein ungefähres Bild davon geben, was an der Politik interessiert und wer die Akzente setzt.
Der rote Bürgermeister kommt in 140 Filmchen vor. Spitzenreiter ist mit 3759 Sehern ein Beitrag aus dem Vorjahr über „rechtspopulistische Koffer“. Häupl wirkt illuminiert bei diesem Auftritt im Festzelt. Kein Wunder, dass „Österreichzuerst“ diesen erhellenden Clip ins Netz gestellt hat. Die mögen offenbar keine Weintrinker.
Der blaue Spitzenkandidat H.-C. Strache spielt in 1850 Filmchen mit. Spitzenreiter ist noch immer sein ORF-Auftritt vor sieben Monaten bei „Wir sind Kaiser“. 387.944 Zuseher hat dieser Clip, in dem Strache entrückt grinst und sich mit dem Plakat „Kaiserthron statt ORF-Pension“ bei Robert Palfrader anbiedert.
Christine „Wer bitte?“ Marek, Spitzenfrau der ÖVP, die sich an die SPÖ anbiedert, hat hingegen nur knapp 100 Clips, so wie der Wiener Sportklub. Mareks Statement über „richtiges Wirtschaften“ hat vor fünf Monaten nur ein Seher angeklickt. (Ich hab die Zugriffe jetzt also verdoppelt.) Ihre höchste Quote mit 1629 Sehern hatte die ÖVP-Kandidatin letzte Woche auf „Puls vier“ – ein „Talk of Town“, in dem sie mit Strache über „Wiener Blut“ stritt.
Für die Grünen ist „YouTube“ noch unerschlossenes Gelände. Drei Dutzend Einträge gibt es für Maria „Wie bitte?“ Vassilakou. Ein Interview, das die Wiener Grünen-Chefin vor einem halben Jahr mit dem Misshandlungsopfer Mike B. geführt hatte, wollten immerhin 1059 Menschen sehen.
Fazit: Mediennutzer, die sich nicht mehr über Print und Funk, sondern über Filme im Netz informieren, haben ihre Wahl bereits getroffen. Die kennen ÖVP und Grüne nicht mehr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2010)