Als würde ihre wilde vulkanische Schönheit die Gefühle befeuern: Auf den Äolischen beziehungsweise Liparischen Inseln fanden echte und fiktive Liebesdramen statt. Der Besucher findet Drehorte – und Naturschauspiele.
Manche Geschichten können nur vor einer Kulisse wie der Insel Salina spielen. Etwa jene (fiktive) Begegnung zwischen Mario Ruoppolo und dem berühmten chilenischen Dichter und Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda, der – ins Exil verbannt – den schüchternen Fischer als Privatbriefträger engagiert, ihn in die Geheimnisse der Poesie einweiht und ihm so ermöglicht, seine große Liebe Beatrice zu erobern.
Auch wenn nur einige ausgewählte Szenen des in den 50er-Jahren spielenden, oscarprämierten Kinofilms „Der Postmann“ auf der kleinen, der Nordküste Siziliens vorgelagerten Vulkaninsel gedreht wurden, scheint die wildromantisch-schöne Insel wie geschaffen für diese seltsam aus der Welt gefallene Erzählung. Kleine Dörfer muten hier wie in die Vulkanhänge gemeißelt an, ursprünglich mediterran ist die Lebensweise.
Das Gleiche könnte man auch über die Nachbarinseln sagen, die mit Salina die Gruppe der Äolischen beziehungsweise Liparischen Inseln bilden: Über die urbane Hauptinsel Lipari oder über Stromboli und Vulcano mit ihren noch immer aktiven Vulkanen. Über die kleine, aber mondäne Insel Panarea. Über Filicudi und das nur von 140 Einwohnern besiedelte Alicudi, wo mangels Straßen immer noch der Esel als Transportmittel zum Einsatz kommt.
Griechischer Gott sorgt für Wind
Jahrhundertelang war die kleine sizilianische Inselgruppe nur schwer erreichbar, und auch heute noch muss man einige Umstände in Kauf nehmen, wenn man den Archipel, der genau genommen nur aus den Spitzen von sieben mächtigen Vulkanen besteht, besuchen will. Der nächstgelegene Flughafen Catania liegt rund 130 Kilometer von der an der Nordküste Siziliens gelegenen Hafenstadt Milazzo entfernt. Mit dem Schnellboot dauert die Überfahrt zur Hauptinsel Lipari dann noch eine Stunde. Bei stürmischem Wetter, was im Winter manchmal vorkommt (die Inselgruppe wurde nicht zufällig nach dem griechischen Windgott Äolus benannt), wird der Fährbetrieb eingestellt.
Aus Sicht des Reisenden hat die abseitige Lage durchaus enorme Vorteile: Von den „Segnungen“ des Massentourismus blieben die traumhaften Äolen daher bis heute weitgehend verschont. Auch wenn sich die Einwohnerzahl einzelner Inseln in der Hauptferienzeit zwischen Juli und August schon einmal verdoppeln kann.
Diese raue Abgeschiedenheit der Vulkaninseln mit ihren zerklüfteten Küsten und senkrechten Schluchten hat vor Michael Radford, dem Regisseur des „Postmanns“, schon andere Künstler inspiriert. Roberto Rossellini drehte hier 1949 einen Spielfilm, in dem neben der schwedischen Schauspielerin Ingrid Bergman der titelgebende Vulkan Stromboli die Hauptrolle spielte.
Dass er gleichzeitig mit der Bergman ein Verhältnis begann und sich von seiner bisherigen Partnerin, der bekannten italienischen Schauspielerin Anna Magnani, trennte, erhöhte den internationalen Bekanntheitsgrad der Äolen noch einmal. Die geschasste Magnani ließ es sich nämlich nicht nehmen, noch im gleichen Jahr mit einem eigenen Melodram zu kontern, das auf der wilden Schwesterinsel Vulcano spielt (auch hier war der Name titelgebend), und in dem es ebenfalls um Liebe, Armut, Ausgrenzung und Vulkanausbrüche geht.
Filmreife Affären
Obwohl beide Filme kommerziell wenig erfolgreich waren, haben sie die touristische Entdeckung der Äolen stark befördert. Vom „filmischen Zickenkrieg“ selbst gibt es – mit Ausnahme einer Gedenktafel an jenem Haus auf Stromboli, in dem das Paar Rossellini/Bergman während der Dreharbeiten wohnte– kaum mehr Spuren. Doch das ist Nebensache: Die eigentliche Attraktion sind die immer noch aktiven Vulkane der beiden Inseln, wobei Stromboli zweifellos den beeindruckenderen Auftritt bietet. Während die Schwesterinsel mit ihren vier Vulkanbergen „nur“ mit heißen Schwefeldämpfen aufzuwarten vermag, schleudert der Stromboli in regelmäßigen neunminütigen Abständen seine roten Lavafontänen in den Himmel. Ein faszinierendes Spektakel, das man bei einer Ausflugsfahrt auf dem nächtlichen Meer besonders gut beobachten oder sich – in obligatorischer Begleitung eines lokalen Bergführers – auch direkt auf dem 926 Meter hohen Gipfel ansehen kann.
Dafür kann man in den heißen schwefelhaltigen Schlammbädern auf Vulcano die unterschiedlichsten rheumatischen Erkrankungen auskurieren, wie die Einheimischen schwören – sofern man am Geruch keinen Anstoß nimmt.
Liebe, die Politik überwindet
Manchmal verbergen sich aber auch hinter unscheinbaren Gedenktafeln große Dramen. Eine solche steht auf der Piazza Mazzini im Zentrum von Lipari-Stadt, vis à vis vom exklusiven Restaurant „Filippino“, in dem gelegentlich auch Microsoft-Gründer Bill Gates mit seiner Entourage zu speisen pflegt. In die Steintafel eingraviert sind Verse aus Homers Odyssee – der Sagenheld landete ja auch auf den Äolischen Inseln. Gewidmet sind sie einer gewissen „Ellenica“ von ihrem Geliebten „Baiardo“. Ihre bittersüße Liebesgeschichte war lange ein gut gehütetes Geheimnis und enthält alle Ingredienzien, die man so nur im leidenschaftlichen Süden Italiens findet.
Hinter „Ellenica“ verbirgt sich nämlich niemand anderes als Benito Mussolinis älteste Tochter und Witwe des 1943 nach einer Meinungsverschiedenheit mit dem Diktator hingerichteten Außenministers Galeazzo Ciano. Edda Ciano wurde nach dem Sturz des faschistischen Regimes im Herbst 1945 auf Lipari verbannt und lernte dort den Partisanen und Kommunistenführer Leonida Bongiorno (Baiardo) kennen. Ausgerechnet Bongiorno und die Witwe jenes Mannes, der in seiner Amtszeit als Außenminister nicht davor zurückschreckte, oppositionelle Kommunisten im Exil ermorden zu lassen!
Obwohl das Paar nach Eddas Freilassung getrennt wurde und Bongiorno eine andere Frau heiratete, konnten der Kommunist und die Duce-Tochter einander nie vergessen. Sosehr vermisste Bongiorno seine Geliebte, dass er 1971 das Monument auf der Piazza Mazzini errichten ließ, wobei er die Verse, so will es die Legende, eigenhändig in die Steintafel einritzte. Liebe und Leidenschaft gehen in diesen Breiten – damals wie heute – eben über Politik.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2010)