Bei Katastrophen wie der Flut in Pakistan kämpfen NGOs um Gebergunst und Geld. Nicht immer aber profitieren die Bedürftigen von der Hilfe. Und manchmal gehen die Helfer zweifelhafte Deals ein.
So schleichend wie die Wassermassen sind auch die Hilfsgelder ins Land geflossen. Warum das Spendenaufkommen bei der Pakistan-Flut eher zögerlich ist, darüber will Sissy Mayerhoffer eigentlich nicht mutmaßen. „Es ist ein schwieriges Land“, sagt sie schließlich. Mayerhoffer muss sich vorsichtig ausdrücken. Sie ist beim ORF verantwortlich für „Humanitarian Broadcasting“, und damit für die Aktion „Nachbar in Not“.
Pakistan ist offenbar ein Land, dem Spender erst nach einigem Nachdenken helfen. Vielleicht deshalb, weil es so „widersprüchlich“ ist, wie Mayerhoffer sagt: ein Land, das sich nicht so einfach helfen lassen will. Da sind die Taliban, die die westlichen Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) lieber heute als morgen aus dem Land werfen würden. Pakistan ist auch ein zweifelhafter Verbündeter im „Kampf gegen den Terror“, seine Armee unberechenbar.
Obwohl die internationale Hilfe dieser Tage allmählich anläuft, sprechen die Fakten für sich. Zwei Tage nach dem Erdbeben in Haiti im Jänner 2010 sprang die ORF-Aktion „Nachbar in Not“ auf den Zug der Geldgeber auf. Die Flut hatte Pakistan längst unter Wasser gesetzt, als diesmal die Kampagne startete. Beim ORF-Aktionstag für Pakistan wurden unlängst 500.000 Euro gesammelt; 1,3 Millionen waren es beim Aktionstag für Haiti. Mayerhoffer erklärt den massiven Unterschied mit der „längeren Sendefläche“, die man bei Haiti gehabt habe.
Ob es wirklich nur daran liegt? Nicht nur die österreichischen Spender sind zögerlicher: Bis Mitte August sammelten die Vereinten Nationen (UN) 58 Millionen Dollar an Hilfsgeldern. In Woche zwei nach dem großen Beben in der Karibik waren bereits 241 Millionen Dollar zur Verfügung gestanden.
„Ein Beben ist wie ein Urknall“, sagt Andrea Eberl, langjährige NGO-Mitarbeiterin mit Erfahrung in der Katastrophenhilfe. Das Ausmaß der Zerstörung, die Zahl der Toten – auf einen Schlag sichtbar. In Pakistan könnte es die Opfermassen erst zu einem späteren Zeitpunkt geben, dann, wenn todbringende Krankheiten ausbrechen und Saatgut nicht ausgestreut werden kann. Wie aber kommuniziert man das? Momentan ist das größte Problem der NGOs der Informationsnotstand: „Man braucht Betroffene, Bilder, Berichte. Einfach so spenden die Leute nicht“, weiß Mayerhoffer.
Wenig verwunderlich, dass auf den Plakaten der Hilfsorganisationen auch jetzt wieder Kinder prangen, hilf- und harmlos, die perfekten Opfer. Über ihre Projekte informieren NGOs gerne, lotsen Journalisten bereitwillig durchs Feld. Doch hinter den Kulissen wird emsig kalkuliert: Wie viel kostet der Hilfseinsatz? Lohnt er sich? Wie hoch ist das Sicherheitsrisiko? Die Realität der Kosten-Nutzen-Rechnung der NGOs: Sie ist dem Spender unbekannt.
Die Hilfsindustrie mag nicht als schnöde Unternehmung gelten. Doch wer schon einmal Brocken des Helferjargons wie Absorptionskapazität, Audits, Sustainability und LRRD – Linking Relief, Rehabilitation and Development – aufgeschnappt hat, der weiß um die verborgene Rationalität der NGOs.
Der Run auf die Projekte. Katastrophen sind für NGOs wie ein Börsegang für ein Unternehmen: „Big Business“, so Andrea Eberl. „Es ist ein Riesengeschäft“, sagt auch Max Santner, Leiter der Internationalen Hilfe beim Österreichischen Roten Kreuz, „und es gibt eine große Konkurrenz“. Wer zuerst kommt, hat meist die besseren Chancen, nach der Katastrophe Projekte im Wiederaufbau zu bekommen.
Begleitet von Sicherheitspersonal gelangt man mit Hubschraubern und Land Cruisern ins Feld, im Gepäck technische Ausrüstung. Sowohl eine „Freude“ als auch ein „Schock“ sei die Ankunft der Helfer meist für die Betroffenen, erinnert sich Eberl. Doch gerade die Katastrophen ziehen die Hasardeure unter den NGOs an. „Es gehen auch solche rein, die nicht die nötige Expertise haben“, kritisiert die frühere Katastrophenhelferin Eberl. Jeder möchte ein Stück vom Spendenkuchen haben.
Max Santner, der zwei Jahre lang auf Sri Lanka Aufbauarbeit nach dem Tsunami von 2004 geleistet hat, kann aus dieser Zeit fragwürdige Projekte zuhauf aufzählen – wie etwa das viel zu teure Kärnten-Dorf im indonesischen Banda Aceh. „Wer glaubt zu helfen, ist nicht immer ein guter Helfer“, sagt er.
Suche nach Bedürftigen. Das Beben in Westsumatra im September 2009 mag ein weiteres Beispiel dafür sein, dass Hilfe nicht immer in die richtigen Kanäle fließt. Tausende von Rettungshelfern aus aller Welt drängten sich damals im Palast des Gouverneurs der Provinz Padang. Ein schweres Erdbeben hatte die Regionalhauptstadt und die umliegenden Gebiete erschüttert. Tausende von Menschen waren unter einstürzenden Gebäuden begraben worden.
Die Katastrophe ließ weltweit die Alarmglocken schrillen: Denn das Beben hatte sich entlang derselben tektonischen Bruchlinie wie der gewaltige Erdstoß ereignet, der 2004 den Tsunami ausgelöst hatte. Zigtausende Opfer wurden befürchtet. Doch schnell zeigte sich, dass das Ausmaß der Katastrophe weitaus weniger schlimm war als befürchtet. Die meisten Verschütteten wurden von Nachbarn ausgegraben. Hilfsorganisationen hatten aber bereits millionenschwere Spenden mobilisiert und suchten händeringend nach Möglichkeiten, das Geld an „Bedürftige“ zu bringen.
Aufrufe zu einem Spendenstopp, wie von „Ärzte ohne Grenzen“ nach dem Tsunami vorgenommen, sind bei den Hilfsorganisationen dennoch nicht gerne gesehen. Man fürchtet, die Spender mit der Wahrheit zu vergraulen. Auch über Missbrauch von Geldern wird in der NGO-Szene nicht gerne gesprochen. „Es ist ein Dilemma: Wenn die Informationen an die Öffentlichkeit gelangen, besteht die Gefahr, dass die Leute nicht mehr spenden“, erklärt Andrea Eberl.
Negative Folgen kann Hilfe jedoch auch haben, wenn sie unkoordiniert erfolgt. Die britische Hilfsorganisation Oxfam stellte in einer Studie fest, dass es bei der Tsunami-Hilfe massive Koordinationsprobleme gegeben habe. Etliche kleinere Hilfsorganisationen hätten sich nicht mit den UN koordiniert, sondern auf eigene Faust Hilfe geleistet – mehr schlecht als recht. So hatten manche NGOs beim Wiederaufbau Häuser zu dicht aneinander errichtet, was zu Problemen mit dem Abwasser führte. Andere hatten Fischern, die ihre Boote verloren hatten, motorisierte Glasfaserboote gegeben. Die Fischer konnten sich jedoch weder den Sprit leisten noch die Boote selbst reparieren.
Hilfe zur Selbsthilfe: So lautet mittlerweile das Credo der Helfer. Doch nicht immer schaffen es die NGOs in der Praxis, ihrem Leitspruch zu folgen. „Die armen, einfachen Menschen lernen sehr schnell. Wenn sie sehen, dass eine Schwemme von Geld ins Land kommt, werden sie nicht mehr aktiv“, sagt Marcel Wagner von Adra, einer adventistischen Hilfsorganisation. Wagner erlebte mit, wie uninformierte Helfer die Preise für Baumaterial in die Höhe treiben und wie Notleidende jede Mithilfe in Rechnung stellen. Auch Andrea Eberl hat beobachtet, wie viele Menschen im dürregeplagten Äthiopien „passiv durch Hilfe“ wurden. Für Wagner ein Zeichen, dass die Helfer etwas falsch gemacht haben.
Kriegselite als Begünstigte. Auch Linda Polman (siehe Interview)kann ein Lied von Geldmitteln singen, die in falschen Taschen landen. Die Journalistin war im vom Bürgerkrieg gezeichneten Sierra Leone stationiert, als 1999 Frieden geschlossen wurde. „Plötzlich kam die Hilfskarawane mit über 200 NGOs. Die Hauptstadt Freetown verwandelte sich über Nacht: Generatoren wurden angebracht, Hotels und Restaurants öffneten.“ Zunächst war die Niederländerin erfreut. Doch dann begriff sie, wer sich den Zugang zu den Projekten sicherte: „Es war die Kriegselite, das brutalste Element der Gesellschaft.“ Kein Einzelfall, wie sie sagt: „Auch anderswo beobachte ich dieses Muster: Immer bekommen die, die an der Macht sind, Zugang zu den Projekten.“
Polman fordert, dass die NGOs verantwortungsvoller mit den ihnen anvertrauten Geldern umgehen sollen. Allzu oft ließen sie sich von korrupten Beamten unter Druck setzen, würden politische Einmischung in ihre Arbeit hinnehmen. Im schlimmsten Fall gingen Hilfsgelder direkt in die Kriegskasse. Pakistan ist laut Polman so ein Fall: Seit 2001 bekommt das Land beträchtliche Summen an Entwicklungshilfe, vor allem aus den USA und Großbritannien. Armutsbekämpfung ist ein Instrument im Kampf gegen den Terror. Polman: „Dies hat die Machtstrukturen im Land beeinflusst. Die Armee ist dank unserer Hilfe stärker geworden, die Zivilregierung wurde geschwächt.“
Mitunter lassen besonders widrige Bedingungen die sonst so heftig miteinander konkurrierenden NGOs aber auch zusammenrücken. „Je schwieriger das Land, desto besser die Koordination“, erinnert sich Marcel Wagner an seine Zeit in Nordkorea. Dennoch hat Adra 2005 das Land verlassen – als das Regime die Helfer hinauswarf. „Manche NGOs haben darum gekämpft, dort bleiben zu dürfen. Denn für Fundraising ist Nordkorea ein gutes Land.“
Wagner selbst hat den Rauswurf nicht bedauert: „Die Militärs und die Regierung haben einen Großteil der Hilfsgüter abgezweigt. Wenn man seine Hilfsempfänger nicht mehr erreicht, ist es Zeit, die Zelte abzubrechen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2010)