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Die Hinterhofmuslime: Neue Moscheen?

Hinterhofmuslime Neue Moscheen
Arbeitergasse(c) Clemens Fabry
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Sie haben Jahrzehnte lang in Kellern, Erdgeschoßen und Wohnhäusern gebetet. Nun wollen viele Muslime neue Moscheen oder eine bessere Ausstattung. Ein Besuch im Keller.

Minarett. Ein Symbol, das zurzeit wieder die Wogen hochgehen lässt. Die meisten Muslime in Österreich sind von einem Minarett allerdings weit entfernt. Sehr weit. Denn sie beten nicht in opulenten, reich verzierten Moscheen mit Minarett, sondern in Hinterhöfen, Erdgeschoßen, Kellern und umfunktionierten Wohnhäusern.

So auch die Gläubigen in der Arbeitergasse in Wien-Margareten. Eren Sinasi, der Obmann des Gebetsvereines, führt durch die Keller eines ganz normalen Wohnhauses, in dem seit 20 Jahren gebetet wird. Die Wände wurden mit Holz überzogen, der Boden ist mit einem bunten Teppich ausgelegt. „Wir haben hier sehr viel Geld investiert, um die Kellerräume unseren Bedürfnissen anzupassen“, sagt der 47-Jährige mit dem dünnen Schnurrbart.

Auch wenn die Räume in den vergangenen Jahren ihren Zweck erfüllt haben: Viele Muslime sind nicht mehr zufrieden mit dem Beten im Keller. Sie wollen entweder neue, größere Bauten oder eine bessere Ausstattung in den alten Räumen. „Irgendwann hat man erkannt: Wir bleiben“, erklärt Omar Al-Rawi, Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), den Wunsch vieler Muslime nach würdigeren Gebetshäusern. Waren die Gebetsräume der Gastarbeiter noch provisorisch, „wächst nun die Sehnsucht nach größeren Räumen“. Das konstatierte kürzlich auch der Präsident der IGGiÖ, Anas Schakfeh, der sich auf lange Sicht in jedem Bundesland eine Moschee – auch mit Minarett – wünscht.

Auch in der Arbeitergasse schwindet die Zufriedenheit mit dem alten Kellerraum. „Wir haben hier oft Probleme mit der Feuchtigkeit und den alten Heizrohren“, sagt Sinasi und führt hinauf in das Erdgeschoß, wo sich das Café und der Aufenthaltsraum befinden. Auf der Treppe dreht er sich plötzlich um und fragt: „Und warum sollen wir nicht sagen dürfen: Wir wollen raus hier? Wir wollen größere Räume? Eine würdige Atmosphäre?“

Es sind genau diese Fragen, die das neu gewonnene Selbstbewusstsein der muslimischen Einwohner Österreichs impliziert. „Man will stolz sein auf die Gebetsräume, die Türen öffnen für die Gäste und herzeigen, was man drinnen hat“, sagt Al-Rawi. Allerdings: Wenn von neuen Moscheen, Gebetshäusern und Minaretten die Rede ist, wird es meist emotional – unverständlich für Al-Rawi. „Einerseits wettert man gegen die Hinterhofgebetshäuser. Man sagt, dass man nicht weiß, was dort alles passiert. Andererseits will man neue Gebäude verhindern.“ Vor allem die Debatte über Minarette sei eine „Scheindiskussion“, die darauf hinauslaufe, dass keine Moscheen erwünscht sind.

Keine Terroristen. Eren Sinasi ist ein gläubiger Moslem. Er isst kein Schweinefleisch, betet, so oft er kann, und weil zurzeit Ramadan ist – der islamische Fastenmonat –, fastet er. Sinasi führt ein Leben nach den islamischen Gesetzen, er spendet für Bedürftige („Zakat“), und eine Pilgerreise nach Mekka steht ebenfalls an. Der gelernte Apotheker steht in dem kleinen Gebetsraum und zeigt auf seine ebenfalls islamische Umgebung: zwei Imame, die gerade aus dem Koran rezitieren, eine kleine Gebetskanzel, die die Richtung nach Mekka vorgibt.

Den Vorwurf, dass in Gebetshäusern die Terroristen von morgen ausgebildet würden, weist Sinasi weit von sich. Man solle aber auch von muslimischer Seite nichts verklären. So weiß Sinasi durchaus von Problemen mit der Nachbarschaft zu berichten: Früher saßen und standen die Gläubigen vor dem Eingang und haben sich unterhalten. Das habe die Nachbarn gestört. Also unterlasse man das nun. Seither habe sich das Verhältnis zu den Anrainern deutlich gebessert; man habe sich eben zusammenraufen müssen.

„Aber wir sind auch vor die Tür gegangen, weil es drinnen nicht so viel Platz gibt“, sagt Sinasi und kommt wieder auf die Probleme eines Kellergebetshauses zu sprechen. Dass der Wunsch nach größeren Räumen, auch mit Minarett, für viele negative Schlagzeilen sorgt, versteht Sinasi nicht. „In welchem Jahrhundert leben wir?“, fragt er, „ist eine würdige Moschee nicht unser Recht?“ Von „Recht“ spricht Sinasi als österreichischer Staatsbürger. Er lebt seit 20 Jahren hier, träumt von einer Eigentumswohnung und davon, dass seine zwei Kinder einmal studieren werden.

Größere Küche. Auch Fatma Sakar hat die österreichische Staatsbürgerschaft. Sie lebt ebenfalls nach den islamischen Gesetzen, und auch sie fastet dieser Tage. Die 28-jährige Religionslehrerin – sie wurde in Wien geboren und ging hier zur Schule – sitzt auf einem Sessel zwischen zwei Räumen im Süleymaniye Gebetshaus in Wien-Favoriten und hat ein wachsames Auge auf ein paar Mädchen, die den Koran lesen. Im anderen Zimmer sitzt ein Dutzend Frauen auf dem Teppichboden und formt kleine Kugeln aus Faschiertem für das Abendessen. Sakar presst ein Lächeln hervor. Seit die Männer im ersten Stock beten, ist es eng geworden im Gebetshaus. Der Keller, in dem sich der Gebetsraum für die Männer befand, wurde nach den schweren Regenfällen vor einigen Wochen überflutet. Seither teilen sich die rund 200 Gläubigen die oberen Räume in einem ganz normalen Wohnhaus.

„Wir können nur hoffen, dass es nicht noch einmal zu einer Überflutung kommt“, sagt Sakar mit starkem Wiener Akzent. Ein Umzug wird hier – anders als in der Arbeitergasse – eher nicht gewünscht. Aus mehreren Gründen. „Wissen Sie“, deutet Sakar hinaus in Richtung Quellenstraße, „die Leute haben sich an diesen Standort gewöhnt“. Auch die Anrainer, mit denen es keine Probleme gebe. Vor allem die älteren Besucher seien nach wie vor zufrieden mit dem, was sie haben. Wenn sie nicht gerade unter Wasser stehen, erfüllen die Räume schließlich ihren Zweck. „Aber eine größere Küche“, ergänzt Sakar, „die würden wir uns hier schon wünschen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2010)