McKenzie: "Mein Job ist die Wahrheit"

McKenzie Mein Wahrheit
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Alison Bethel McKenzie kämpft für die Pressefreiheit. Die interimistische Chefin des International Press Institute über Zensur, Angst und 60 Jahre IPI.

Es ist eine traurige Liste von Namen, die die ersten beiden Seiten des World Press Freedom Review füllt. Von Alaa Abdel-Wahab bis Mohamud Mohamed Yusuf listet der Jahresbericht des International Press Institute (IPI) mit Sitz in Wien jene 110 Männer und Frauen auf, die 2009 getötet wurden, weil sie sich als Journalisten nicht den Mund verbieten lassen wollten. „Meine Nichte will auch Journalistin werden. Ich will, dass sie überall auf der Welt ihren Job machen kann, ohne Angst haben zu müssen“, sagt Alison Bethel McKenzie, die nach dem Ausscheiden von David Dadge die provisorische Leitung des IPI übernommen hat. Kurz vor dessen 60-Jahr-Jubiläum, das im September mit einem internationalen länderübergreifenden Kongress in Wien und Bratislava gefeiert wird. „Wir konnten in den sechzig Jahren Regierende zum Dialog zusammenbringen, Journalisten wurden aus dem Gefängnis entlassen, Gesetze wurden geändert.“ Das war es, was die Gründer im Oktober 1950 wollten, als sie sich an der Columbia University in New York trafen: mit dem Schutz der Pressefreiheit einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten.

Von Zensurversuchen „überrascht“. McKenzie war lange selbst Journalistin. Gewalt musste sie keine erleben. Zensurversuche schon. „Als ich Chefredakteurin des ,Nassau Guardian‘ war, hatten wir mindestens zweimal Polizei- und Regierungsvertreter in der Redaktion, die uns ,überzeugen‘ wollten, dass wir bestimmte Sachen nicht schreiben beziehungsweise gewisse Bilder nicht veröffentlichen. In meiner Heimat – in Florida, USA – ist die Pressefreiheit in der Verfassung verankert. Dort läuft zwar auch nicht alles so perfekt, wie die Leute glauben, aber ich war von dem Vorgehen der Behörden auf den Bahamas doch überrascht.“

Vor ihrem Engagement in Wien war McKenzie ein Jahr lang in Ghana, als Trainerin für Journalisten, die sich auf die Wahlen im Dezember 2008 vorbereiteten. „In Afrika waren meine Kollegen immer besorgt, sie könnten wegen eines Artikels, den sie gemacht haben oder gerade recherchieren, schikaniert werden. Aber ich hatte keine Angst. Die Kollegen sagten: Klar, du bist Amerikanerin! Aber es ist auch mein Job, die Wahrheit zu sagen. Je länger ich für das IPI arbeite, desto mehr Respekt habe ich vor Journalisten in Südosteuropa, Afrika und Asien. Ich könnte mir nicht vorstellen, jeden Tag nach der Arbeit Angst vor dem Heimweg zu haben. Das ist inakzeptabel.“

Das IPI hat seinen Sitz in Wien. Aber es ist global ausgerichtet. Mitglieder sind Herausgeber, Medienvertreter und leitende Journalisten auf der ganzen Welt. Dass man das Thema Pressefreiheit nicht überall so ernst nimmt – vor allem in Ländern, in denen sie weitgehend gesichert ist, bedauert McKenzie. „Die Verleger in vielen Ländern sind damit beschäftigt, Werbung zu akquirieren und im Internet zu reüssieren. Fragen der Pressefreiheit sind hingegen nicht präsent. Daher ist es eine der wichtigsten Aufgaben des IPI, führenden Medien der westlichen Welt wie der ,New York Times‘, dem ,Guardian‘, der ,Sun‘ klarzumachen, dass es uns alle angeht, wenn in Argentinien ein Journalist inhaftiert wird.“


Pressefreiheit geht alle (Länder) an. Werde die Pressefreiheit irgendwo auf der Welt mit Füßen getreten und niemand hat's bemerkt, könne das Schule machen, fürchtet sie: „Wenn die großen, einflussreichen Länder nichts dagegen sagen, dass Journalisten eingesperrt, verletzt oder getötet werden, ist das eine Nachricht an die Welt. Wenn man Leuten nicht erlaubt, sich eigene Gedanken zu machen – was dann?“ Schließlich werde nicht nur die Presse- und Redefreiheit im betroffenen Land verletzt – die via Internet vernetzte internationale Gesellschaft bekomme dann keine oder nur gefilterte oder falsche Informationen, sei also sehr wohl direkt betroffen. „Das ist wie wenn ein Land die Umwelt ausbeutet – das geht uns auch alle an, weil wir unter ein und demselben Himmel leben.“

IPI World Congress Wien/Bratislava: 11.–14.9.; www.freemedia.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2010)

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