Thilo Sarrazin

Thilo Sarrazin hat ein Buch geschrieben, das die türkischen und arabischen Zuwanderer in Deutschland zum Problem macht. Das darf er nicht, verordnen ihm liberale Medien.

Die „Financial Times Deutschland“ zeigte am Freitag eine Unerbittlichkeit, die ungefähr jener entsprach, welche sie eigentlich dem roten Vorstandsmitglied der deutschen Bundesbank vorwarf: „Sarrazin muss weg“, wurde im Leitartikel der sonst so liberalen Wirtschaftszeitung gefordert, auch wenn der ehemalige Berliner Finanzsenator in seinem neuen Buch „Deutschland schafft sich ab“ (DVA) „die eine oder andere Wahrheit ausspricht, die manche nicht laut zu sagen wagen – selbst dann bleibt er für die Bundesbank ein Problem“. Seine muslimenfeindlichen Tiraden seien der Diskussion um die künftige Zuwanderungspolitik hinderlich, „indem sie plumpe Vorurteile nähren. Und sein brachialer Stil schadet der Bundesbank als Institution“. Was tun? Nachschulen? Schubhaft?

Auch die „Süddeutsche Zeitung“ alteriert sich über Thesen, die sachlicher als sonst formuliert, aber „inhaltlich absurder denn je“ seien: „Sarrazin mag vielen aus der Seele sprechen, gefällige Sprüche aber lösen die Riesenprobleme der Zuwanderungsgesellschaft nicht“. Die seien im Kern sozialer, nicht religiöser Natur. Eine ganze Religionsgemeinschaft „als quasi wertlos zu definieren, weil sie wirtschaftlich zu wenig abwirft, ist inakzeptabel“. Was tun? Schreibverbot? Bücher verbrennen?


Schnellverfahren. Das Urteil ist gefällt, noch ehe Sarrazins Buch an diesem Montag auf den Markt kommt. Bisher hat die Öffentlichkeit eine Woche lang nur Schnipsel im Massenblatt „Bild“ als Vorabdruck und einen längeren Ausschnitt aus dem 464 Seiten langen Werk im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ lesen können – Fortsetzung morgen, Montag. Nicht nur der 65-jährige Ökonom und Hobby-Soziologe mit seinem Hang zur Pointe und zur gemeinen Polemik weiß, wie man Aufsehen erregt. Die Deutschen mögen aussterben, die moralische deutsche Debatte stirbt zuletzt.

Die Medien verstärken den Effekt, ob Sarrazin nun populistisch aufgemotzt wird wie von „Bild“ oder präventiv verurteilt wie von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Der Text lese sich wie „ein antimuslimisches Dossier auf genetischer Grundlage“, heißt es in der „FAZ“. Er sei biologistisch, ihm fehle die kulturelle Geschäftsgrundlage. Was aber ist aus diesem Mangel zu schließen? „Sarrazins Buch ist ein Entlastungsversuch einer desorientierten Elite. Kein Zweifel, dass es ein Erfolg wird.“

Das weiß man auch in der Wochenschrift „Die Zeit“, die Sarrazin zum Streitgespräch einlud. Zwei Stunden wurde ihm Kontra gegeben, heißt es einleitend, „er hält was aus. Dann geht er wieder, mit seinem Rucksack und seiner Mission gegen weitere Zuwanderung. Bald kommen die Talkshows dran, sagt er, mit uns habe er nur schon mal geübt“. Mit weiteren Provokationen wird zu rechnen sein.

norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2010)

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