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Wort der Woche

Wohlbefinden in der Coronapandemie

Wir alle fühlen, dass Corona uns und unsere Gesellschaft verändert. Die Sozialforschung versucht, diese subjektiven Eindrücke zu allgemeingültigen Schlüssen zu verdichten.

Was macht die Coronapandemie mit den Menschen? Wir bemerken, dass etwas mit uns als Individuen und als gesellschaftliche Wesen geschieht. Das sind freilich subjektive Eindrücke, man weiß nicht, ob es sich dabei auch um verallgemeinerbare Veränderungen handelt. Objektiv zu fassen versuchen dies die Sozialwissenschaften – für die die Pandemie so etwas wie ein riesiges globales Realexperiment für Fragen ist, die theoretisch nicht beantwortbar sind.

Etwa: Welchen Einfluss hat eine so große Krise auf das Wohlbefinden der Menschen? Dem ist ein Team am Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg um Eran Feitelson nachgegangen. Entwickelt wurde ein Modell mit mehr als 50 Komponenten und unzähligen Rückkopplungsschleifen, das am Beispiel Israel real durchgespielt wurde.

Es zeigte sich, dass v. a. der Faktor Beschäftigung entscheidenden Einfluss hat: Bei Menschen, deren Jobs weitgehend unbeeinflusst von der Pandemie blieben, ist das Wohlbefinden in viel weniger Bereichen beeinträchtigt als bei arbeitslos gewordenen. Das betrifft nicht nur kurzfristige Effekte wie Einkommen, Konsum, Freizeitmöglichkeiten oder Mobilität, sondern auch langfristige Folgen für soziale Interaktionen, Bildung oder Gesundheit (pure.iiasa.ac.at/id/eprint/16875).

Ein gewisses Auseinanderdriften der Gesellschaft stellen auch Forschergruppen der Universität Wien fest, die die Pandemie in zwei großen Studien – „Austrian Corona Panel Project“ (ACPP) und „Solidarität in Zeiten einer Pandemie“ (SolPan) – in allen Details verfolgen; die Ergebnisse werden auf vorbildliche Weise laufend in einem „Corona-Blog“ veröffentlicht (viecer.univie.ac.at/coronapanel/corona-blog). Eine wichtige Erkenntnis daraus: Je länger die Coronapandemie dauert, umso weniger Solidarität nehmen die Menschen in Österreich wahr. Zu Beginn der Krise stimmten zwei Drittel der Aussage zu, dass alle zusammenrücken, um die Schwachen zu schützen. Dieser Wert sank bis zum November auf unter ein Viertel.

Das bedeutet aber nicht automatisch, dass die Solidarität an sich aus der Gesellschaft verschwindet. Denn wie die Politologin Barbara Prainsack argumentiert, müsse man differenzieren: Anfänglich stand eine starke interpersonelle Solidarität im Vordergrund, längerfristig entscheidet aber v. a. die institutionalisierte Solidarität darüber, wie resilient (widerstandsfähig) eine Gesellschaft gegen Krisen ist (Democratic Theory 7, 2, S. 124).

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2020)