Architektur aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren ist in Wien nach wie vor präsent – wird aber häufig nicht wahrgenommen und noch seltener geschätzt. Grafiker Tom Koch und Fotograf Stephan Doleschal wollen das ändern – und die Epoche dokumentieren.
„Auf den ersten Blick“, sagt Tom Koch, als er durch den Innenhof des Gemeindebaus spaziert, „empfindet man das hier ja nicht als schön.“ Womöglich auch nicht auf den zweiten. Aber irgendwann, sagt Koch, „sieht man die Ästhetik“. In manchen Details: Wie den alten 1950er-Straßenlaternen, die hier im Innenhof noch nicht durch zeitgemäßere Modelle ausgetauscht wurden. Oder den Mosaiken, die die Hauseingänge jeder Stiege dieses Gemeindebaus umrahmen. „Die Menschen, die hier wohnen“, sagt Koch, „gehen täglich durch Kunstwerke.“
Viele Bewohner werden die insgesamt 16 „Torfeldmosaike“ wohl nicht weiter beachten. Tom Koch, hauptberuflich Grafiker, und der Fotograf Stephan Doleschal aber schauen sehr genau hin. Die beiden hat es auf ihrer Suche nach Relikten aus den 1950er- und 1960er-Jahren auch hierher verschlagen, in den Gemeindebau in der Boschstraße 24 in Heiligenstadt, der ab 1953 errichtet wurde. Was für viele eine eher zweckmäßige Wohnhausanlage sein mag, die man gerade auch wegen des mächtigen, fast festungsartigen Karl-Marx-Hofs auf der gegenüberliegenden Straßenseite schnell übersieht, ist für die beiden ein kleines Juwel für ihren geplanten Bildband: In dem wollen Koch und Doleschal nämlich dokumentieren, wo in der Stadt die 1950er- und 1960er-Jahre ihre Spuren hinterlassen haben, von der Innenarchitektur alter Cafés über kommunalen Wohnbau bis zur Stadtplanung jener Zeit, die Wien nach wie vor mitprägt.