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Mein Montag

Der verbotene Ort oder der inszenierte Massentest

Hinter etwas scheinbar Nüchternem wie einem Massentest stecken dramaturgische Elemente.
Hinter etwas scheinbar Nüchternem wie einem Massentest stecken dramaturgische Elemente.imago images/dmuk-media
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Hinter etwas scheinbar Nüchternem wie einem Massentest stecken dramaturgische Elemente.

Ob ein Corona-Massentest aus epidemiologischer Sicht sinnvoll ist, sollen andere diskutieren. Aus Sicht der Inszenierung hält er sich jedenfalls ans Drehbuch. Dass man nämlich aus einer seuchenmedizinischen Maßnahme ein Event macht, bei dem auch mit dramaturgischen Elementen gearbeitet wird. Die Wiener Stadthalle als Tempel, in den nur Auserwählte dürfen – wer die Anmeldung per Internet geschafft hat, darf sich als Teil der Bewegung fühlen. Vor dem Tempel bekommt jeder Auserwählte ein Zeichen der Zusammengehörigkeit – eine FFP2-Maske. Und ein Buch der Regeln – wenn auch nur ein A4-Zettel, auf dem steht, was man mitführen und wie man sich verhalten muss.

Da ist etwa gleich ein Tabu – Fotos zu machen. Und auch, wenn man das mit einem Handyschuss aus der Hüfte leicht umgehen könnte, entsteht so doch eine Aura des Geheimnisvollen: Ein verbotener Ort, von dem nur berichten kann, wer ihn tatsächlich betreten hat. Auf gelben Bahnen treten die Besucher maskierten Zeremonienmeistern entgegen. Und als Initiationsritus bekommt man für einige Sekunden ein Stäbchen in die Nase gesteckt. Ein kurzer Moment der Unannehmlichkeit, auf den wenig später die Erlösung folgt: Ein Zettel mit einem Häkchen beim Eintrag „Negativ“. Das „bitte entlang des grünen Bandes hinausgehen“ zum Abschied ist quasi das „gehet hin in Frieden“. Da hat offenbar jemand bei der Organisation „Der verbotene Ort oder Die inszenierte Verführung“, den Dramaturgieklassiker von Christian Mikunda, aufmerksam gelesen.

Als Event hat der Massentest sicher eine Funktion. Als kollektives Erlebnis der Generation Corona, das man gemeinsam durchgestanden hat. Das schafft möglicherweise so etwas wie ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Und wie gesagt, über die epidemiologische Sinnhaftigkeit mögen andere diskutieren.

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2020)