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Fall Kampusch: Freispruch für Priklopil-Freund Ernst H.

Fall Kampusch Freispruch fuer
Ernst H. bei seinem Prozess in Wien(c) AP (Ronald Zak)
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Der 45-Jährige soll seinen Geschäftspartner Wolfgang Priklopil nach der Flucht von Natascha Kampusch vor der Polizei versteckt haben, sagt die Anklage. Das Gericht hat ihn vom Vorwurf der Begünstigung freigesprochen.

Kurzer Prozess gegen Ernst H., den früheren Bekannten und Geschäftspartner des Entführers von Natascha Kampusch: Am Montag ist der 45-Jährige am Wiener Straflandesgericht vom Vorwurf der Begünstigung von Wolfgang Priklopil freigesprochen worden. Die Anklage hat ihm vorgeworfen, nach der Flucht von Kampusch Priklopil kurzzeitig vor der Polizei verborgen gehalten zu haben. H. bekannte sich zum Vorwurf "nicht schuldig". Richterin Minu Aigner sah keine hinlänglichen Beweise für den Vorwurf: Priklopil habe offenbar nicht vorgehabt zu fliehen, sondern noch eine letzte Aussprache gesucht. Der Freispruch ist nicht rechtskräftig: Staatsanwalt Hans-Peter Kronawetter gab vorerst keine Erklärung ab.

Entführungsopfer Natascha Kampusch hat sich erfreut über den Abschluss des Prozesses gezeigt: "Ich bin erleichtert, dass auch dieses Verfahren zu einem Abschluss gekommen ist. Es ist nicht einfach, immer wieder von dritter Seite zu erfahren, wie meine Gefangenschaft abgelaufen sein sollte", äußerte sich die 22-Jährige gegenüber der APA. "Ich hoffe, dass die Mittäter-These nun endgültig verworfen wird, sofern sich nicht wirklich stichhaltige Hinweise dazu finden sollten," betonte Kampusch.

Priklopil hatte H. unmittelbar nach der Flucht von Kampusch angerufen und zum Donauzentrum in Wien bestellt. "Er hat gesagt, es ist ein Notfall und ich soll ihn abholen so schnell es geht", gab Ernst H. zu Protokoll. Priklopil, den er vor über 20 Jahren kennengelernt hatte, sei "in einem sehr schlechten Zustand" gewesen, als er zu ihm ins Auto stieg. Priklopil habe gemeint, H. solle ihn "wegbringen" und zuvor seine insgesamt drei Handys ausschalten: "Er war Nachrichtentechniker und wusste genau, dass man das orten und abhören kann."

Lebensbeichte bei Autofahrt

Während der mehrstündigen Fahrt soll Priklopil eine Lebensbeichte abgelegt haben. Priklopil habe sich als "Entführer und Vergewaltiger" bezeichnet. "Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Ich war schockiert", sagte Ernst H.

Ihm sei in diesem Moment bewusst geworden, dass das junge Mädchen, das er einmal in Begleitung Priklopils vor einer Halle gesehen hatte, nicht ein Kind aus der Nachbarschaft war, wie Priklopil behauptet hatte, sondern die seit Jahren von der Polizei gesuchte Natascha Kampusch.

Er habe sich vor Priklopil gefürchtet und daher keine Möglichkeit gehabt, die Polizei anzurufen, insistierte der Angeklagte: "Mir war klar, dass sich jeder, der sich ihm in den Weg stellt, gefährdet ist. Er ist absolut gewaltbereit gewesen. Mir war klar, dass ich unter Gefahr stehe. Ich war in der gleichen Situation wie Natascha Kampusch." Daher sei er insgesamt fünf Stunden mit dem Mann in der Gegend herumgefahren: "Ich musste ihn in Stimmung halten." Priklopil habe schließlich die Autoschlüssel verlangt und ihn, H. zum Aussteigen aufgefordert, um mit dem Pkw gegen eine Betonwand zu fahren. Er habe ihn überzeugt, dass Selbstmord auf diese Art nicht möglich sei, "weil das Auto zu wenig PS hat und er viel zu wenig Schwung zusammenbringt."

Keine Absicht zur Flucht

Priklopil sei es nicht um Flucht gegangen: "Er hatte keine Möglichkeit zu fliehen. Es war ihm völlig klar, dass es aus ist und er in Haft muss. Es war nichts auf eine lange Flucht ausgerichtet. Er hat kein Geld mitgehabt, es war nicht die geringste Vorbereitung für so was."

Laut Ernst H. verriet ihm Priklopil auch sein Motiv, weshalb er sich der zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alten Natascha Kampusch bemächtigt hatte: "Es war für ihn eine Torschlusspanik, dass er jetzt schon so alt ist und kein Mädchen, keine Frau hat." Am Ende der Autofahrt, als Prkilopil ausstieg, habe dieser ihn noch gebeten, er, H., möge Natascha Kampusch mitteilen, "dass es ihm leidtut und er sie sehr gerne hat". Priklopil habe auch noch versucht, auf einem Papierzettel eine Botschaft an seine Mutter zu hinterlassen, aber nicht mehr als das Wort "Mama" zu Papier gebracht.

Weshalb er sich nach Priklopils Abschied nicht umgehend bei der Polizei gemeldet habe? "Es war keine Möglichkeit. Ich hab an Anhänger hinten drauf g'habt. Da kann ich nicht einfach stehenbleiben", erwiderte Ernst H. Außerdem sei er "komplett fertig" und "am Ende meiner Kraft" gewesen: "Es war a totale Unterzuckerung". Er sei davon ausgegangen, "dass er so und so geschnappt wird". Priklopil verübte noch am selben Abend Selbstmord, indem er sich am Nordbahnhof vor einen Zug warf.

Kampusch-Vater: "Er hat sich abgeputzt"

Als Gast war der Vater von Natascha Kampusch, Ludwig Koch, im Gericht. Er war mit dem Urteil nicht zufrieden: "Natürlich bin ich nicht glücklich, er hat sich schon so oft abgeputzt."

(APA/Red.)