Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

NATIONALRAT: PLENUM
Mitreden

Gemeinsam beten im Parlament: Darf man das?

Eine religiöse Feier, mit-organisiert von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka, sorgt für Aufregung. Zurecht? Diskutieren Sie mit!

Bereits mehrmals lud das Parlament unter Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) gemeinsam mit Bundesratspräsidentin Andrea Eder-Gitschthaler (ÖVP) und einem überparteilichen Komitee zum „Nationalen Gebetsfrühstück“. Eine österreichische Erfindung ist das nicht. Die Gebetsfrühstücksbewegung („Prayer Breakfast Movement“), die ihre Wurzeln in den 1930er Jahren in den USA hat, wurde in zahlreichen Ländern aufgegriffen. Das sorgt immer wieder für Kritik, auch in Österreich. Besonders heftig diskutiert wird über eine Gebetsfeier, die diesmal nicht zum Frühstück, sondern am Abend des 8. Dezembers und aufgrund der Coronakrise digital stattfand. Auch sie wurde mit-organisiert von der Gebetsfrühstücksbewegung.

Die Initiative „Religion ist Privatsache“ sprach im Vorfeld in einer Aussendung von einer „von der ÖVP und der Katholischen Kirche orchestrierte Vereinnahmung des Österreichischen Parlaments.“ Sie verweist in der Aussendung unter anderem auf den Ständestaat: „87 Jahre nachdem die Vorgängerorganisation der ÖVP mit kirchlicher Unterstützung das Parlament ausgeschaltet hat, hebt der Politische Katholizismus in Österreich sein hässliches Haupt und greift – vorerst noch zaghaft – nach der Macht."

„Wer sich da an Zeiten unseligen politischen Katholizismus in Österreich erinnert sieht, muss übersensibel oder ziemlich unwissend sein“, schreibt hingegen „Presse"-Chronik-Ressortchef Dietmar Neuwirth in einem Kommentar. Die katholische Kirche in Österreich sei „politisch harmlos“. Außerdem sei das Gebet interkonfessionell.

Die Kritik mancher Politiker, etwa der zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) kann Neuwirth nicht nachvollziehen. Doris Bures antwortet darauf in einem Schreiben an die „Presse“. Sie spricht von einer „angeblichen Überkonfessionalität“ und einer „Vereinnahmung des Parlaments“. Ganz so harmlos sei das alles nicht.

„Wir sind nicht im Namen von Parteien, dem Parlament oder Institutionen zusammengekommen, sondern als Abgeordnete mit unserem je eigenen Glauben“, erläuterte dagegen die ÖVP-Abgeordnete und Organisatorin Gudrun Kugler zu Beginn der Feier. Im Vorfeld haben dennoch Parlamentsmitglieder von SPÖ (Peko Baxant) und Neos (Karl-Arthur Arlamovsk) die zunächst angekündigte Teilnahme wieder abgesagt. Er wolle sich nicht von den Türkisen instrumentalisieren lassen, sagte etwa Baxant gegenüber dem „Standard“. Auch Martin Litschauer (Grüne)* sagte seine Teilnahme ab. Mit dabei waren dagegen Christian Ragger und Philipp Schrangl (beide FPÖ).

Kritik gab es nicht nur von Politikern: Katholische Jungschar und Katholische Jugend hätten sich gewünscht, dass „wesentlich breiter konfessions- und religionsübergreifend" eingeladen wird. Auch die Theologin Michaela Quast-Neulinger fragte sich in einem  Gastkommentar in der „Presse“, warum Muslime, Hindus und Buddhisten nicht zum Gebet für Österreich geladen wurden.

Videoeinspielungen gab es von Kardinal Christoph Schönborn, Bischof Michael Chalupka von der Evangelischen Kirche und Oberrabbiner Jaron Engelmayer, Israelitische Kultusgemeinde Wien. Orthodoxen Kirchengemeinschaften und die Freikirchen lieferten ebenfalls Beiträge bei der eineinhalbstündigen Veranstaltung. Grußworte kamen von Ministerin Susanne Raab (ÖVP). Gerade in Pandemiezeiten würde die Religion den Menschen „Kraft, Halt und Zuversicht“ geben, sagte sie. Religion sei „unersetzbar“ und spiele eine „wesentliche Rolle für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Österreich“.

[* Anm.: In der ursprünglichen Version des Artikels hatte es geheißen, dass Martin Litschauer (Grüne) an der Veranstaltung teilnahm. Aber auch er sagte bereits im Vorfeld die Teilnahme ab. Dies wurde nun (11.12.) richtig gestellt.]

(sk)

Diskutieren Sie mit: Sind Gebetsfrühstücke und -feiern im Parlament angebracht? Und: Welche Rolle sollte Religion in der politischen Debatte spielen?