Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Serie aus Taiwan

„Detention“: Spuk aus der Ära des Terrors

Inmitten einer Welt aus Unterdrückung und Denuziation: Lingwei Lee als Yunxiang Liu.
Inmitten einer Welt aus Unterdrückung und Denuziation: Lingwei Lee als Yunxiang Liu.(c) Netflix
  • Drucken
  • Kommentieren

Die bösen Geister der Kuomintang-Diktatur, konserviert in einer Schule: Nach Kinofilm und Videospiel folgt nun die politisch durchströmte Horrorserie „Detention“.

Ein unbestreitbarer Vorteil von global agierenden Streamingdiensten ist ihr Angebot an nicht westlichen Produktionen, die man noch vor wenigen Jahren kaum und wenn, dann nur mit beträchtlichem Aufwand zu Gesicht bekommen hätte. Bereits 2017 veröffentlichte Amazon Prime mit „Tokyo Vampire Hotel“ des japanischen Regie-Renegaten Sono Sion etwa eine der anarchischsten, wildesten und besten (Horror-)Serien der jüngeren Zeit. Konkurrent Netflix investiert bereits seit Jahren in chinesischsprachige Eigenproduktionen. Aktuelles und sehr vorzeigbares Beispiel ist „Detention“ aus Taiwan, die nach dem letztjährigen, sehr gelungenen Kinofilm von John Hsu bereits zweite Adaption des gleichnamigen, weltweit gefeierten Videospiels.

Vor dem Hintergrund des Terrorregimes der Kuomintang-Partei, die Taiwan von 1948 bis in die Achtzigerjahre im Würgegriff hielt, entspinnt sich ein politisch durchströmtes Horrordrama in acht Episoden, von denen die ersten zwei nun erschienen sind. Yunxiang zieht im Jahr 2000 mit ihrer Mutter in eine abgelegene Provinzstadt, eingebettet in einem dichten Wald, der sie vor äußeren Einflüssen weitestgehend abschirmt. Dort wurden die vor über einem Jahrzehnt abgeschafften Unterdrückungsmechanismen des sogenannten Weißen Terrors der Kuomintang konserviert, und wie in allen Diktaturen gilt das Bildungssystem als neuralgischer Punkt zwecks Gedankenkontrolle und Aufzucht von Autoritätshörigen.

 

Orwells „1984“ in der Schultasche

Wie im Stechschritt marschieren Jungs und Mädchen die Treppen hinauf zum Schulgebäude und werden auf halbem Weg kontrolliert, ihre Taschen durchsucht. In der von Yunxiang findet der Inspektor Orwells Dystopie-Klassiker „1984“, der sogleich konfisziert wird. Im Unterricht selbst herrschen Zucht und Ordnung: Die Schüler werden zum Spitzeltum ermuntert. Wer einen anderen denunziert, wird belohnt. Aufmüpfige werden mittels einer Halskette als „Teufel“ markiert, bestraft und ausgegrenzt, so etwa der Sohn des örtlichen Priesters, mit dem sich Yunxiang anfreundet.

Im Kern von „Detention“ walten schauergotische Einflüsse, und wie bei Edgar Allen Poe, Henry James oder Daphne du Maurier spuken die Geister der Vergangenheit in die Gegenwart hinein. Ein stillgelegter, abgesperrter Trakt der Schule beherbergt ein grausiges Geheimnis, verweist auf eine verdrängte, verheimlichte Tragödie aus der Zeit des Weißen Terrors und steht gleichsam symbolisch für den fehlenden Willen der Täter, sich zu ihrer Schuld zu bekennen. Yun-xiang, dieses Mädchen von woanders, wird zum Medium für die Gespenster, wird gebeutelt von unheimlichen Visionen, wird womöglich die sein, die das Gebäude aus Lug, Trug, Gewalt und Unterdrückung letztgültig zum Einsturz bringen kann.

Formal ist „Detention“, gemessen an den ersten zwei Episoden, kein großer Wurf: Das Schauspiel ist unauffällig, die Inszenierung bisweilen profan, besonders, wenn mäßige Computereffekte zum Einsatz kommen. Doch wer das Videospiel oder die Kinoversion kennt, weiß: Die eigentlichen Stärken des Stoffs werden wohl noch ausgespielt. Die Ankunft eines Aushilfslehrers markiert bereits den Beginn der Rebellion. Denn dieser wird in seinem Unterricht die Repressalien an der Schule kritisieren und einen geheimen Poesieklub gründen, in dem das freie Denken gelehrt und der Individualismus gefeiert wird. Dass er zudem Sohn des systemtreuen Direktors ist, signalisiert eine Zeitenwende und dass die moderne Demokratie schlussendlich auch in dieser abgeriegelten Welt Einzug halten wird.

Insgesamt beweist „Detention“ einmal mehr, dass das Horrorgenre nicht gleichbedeutend ist mit eskapistischer Unterhaltungsware, sondern dass Zuspitzung, Verdichtung und fantastische Elemente als Brennglas funktionieren, mit dem die elenden Verwerfungen unserer Welt verständlicher und vor allem auch spürbarer werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2020)