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Geschichte wird um interpretiert, um eine augenblickliche Stimmung zu stärken. Ein Bild aus Wien.

Schlagwort Querdenker: Über Macht und Missbrauch der Geschichte

Wieso müssen dieser Corona-Tage ständig NS-Vergleiche bemüht werden, sobald sich jemand ungerecht behandelt fühlt? Was ist das für eine Gesellschaft, in der eine Elfjährige, nur weil sie nicht Party machen kann, sich mit Anne Frank vergleicht? Vom Fortleben des Vergangenen.

Die Vergangenheit hat „Anspruch“, schreibt Walter Benjamin 1940 in seinem kleinen Aufsatz „Über den Begriff der Geschichte“. Denn Geschichte wirkt immer nach, davon bleiben auch wir, die wir für uns die Gnade der späten Geburt in Anspruch nehmen dürfen, nicht unberührt. „Streift denn nicht uns selber“, fragt Benjamin, „ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist? Ist nicht in Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein Echo von nun Verstummten?“ Was hören wir da, wenn wir genau hinhören, und was sehen wir? Manchmal tritt das Unsichtbare wieder schnell zutage, wenn man um das Geschehene weiß; es liegt ja meist ganz nah unter der Oberfläche.

Vor Jahren habe ich von einem Grabstein auf dem alten Friedhof in Amstetten geschrieben, der einmal ein jüdischer Grabstein war und der nach seiner „Arisierung“ einfach umgedreht wurde: Auf der Rückseite, die früher seine Vorderseite war, sieht man genau die kreisrunde Stelle, wo der Davidstern herausgemeißelt wurde. So wurde das Ursprüngliche ausgelöscht, aber die Geschichte, wenn auch unsichtbar, lebt dennoch fort. Sie hat ihren Anspruch bewahrt, und der Stein trägt sie bis heute in sich.

Freilich, man muss es wissen, um es erkennen zu können. Auch dann erscheinen uns die Ansprüche des Vergangenen oft merkwürdig genug und sind schwer begreiflich. Im südsteirischen Gamlitz steht auf dem Marktplatz ein Kriegerdenkmal, das an die 54 Toten einer Kavalleriebatterie erinnert, die in der Schlacht bei Königgrätz im Einsatz war, nur elf dieser Einheit überlebten: „Dem Vergangenen zur Anerkennung, / Der Mitwelt zur Richtschnur . . . 3. Juli 1866.“

Das Bemerkenswerte an dem Denkmal ist, dass es nicht 1866 oder bald danach errichtet wurde, sondern 48 Jahre später, laut Inschrift am 21. Juni 1914 – fünf Wochen vor Beginn des Ersten Weltkriegs, der atmosphärisch schon in der Luft lag; sieben Tage später folgte das Attentat von Sarajewo. Auch wenn es noch niemand wissen konnte: Europa hielt den Atem an und wartete. War das der Grund, dass man sich nach fast einem halben Jahrhundert besann, den Gefallenen des Preußisch-Österreichischen Krieges von 1866 ein Denkmal zu setzen? Geschah das auch in vorauseilender, „stolzer“ Pflicht? Wenn man die Inschrift weiterliest, erhält das vom örtlichen Veteranenverein errichtete Denkmal im Nachhinein eine fragwürdige Bedeutung: „Österreichs Jugend zum Ansporn / Und zur Aneiferung!“

Hier geht es nicht bloß um Rückerinnerung, die zeitliche Koinzidenz ist mehr als gespenstisch. Schon Wochen später mussten die jungen Männer, nicht nur die von Gamlitz, in den nächsten Krieg ziehen, und wie die Bilder von 1914 bezeugen, tatsächlich mit Ansporn und Eifer. Allzu viele von ihnen fanden später auf den üblichen Kriegerdenkmälern Erwähnung, in jeder österreichischen Gemeinde sind sie bis heute unversetzbare Erinnerungsorte, bald schon wurden sie zu gemeinsamen Denkmälern für die „Gefallenen beider Kriege“, weil Geschichte nie ohne Folgen bleibt. Dieses Erinnern hat Anspruch, nur sollte es mit der Zeit nicht mehr als Aneiferung, sondern als Abschreckung verstanden werden. So viel haben wir, zumindest in Europa, aus der Geschichte gelernt. Deren jüngste Spuren waren immerhin lang genug präsent – und sind es vereinzelt immer noch. Bombenbeschädigte Häuser, oft ganze Ruinen, konnte man noch zur Wende in Ostberlin da und dort in Seitenstraßen antreffen. Im 18. Bezirk in Wien, nicht weit vom Aumannplatz, bemerkte ich vor einigen Jahren neben einem Hauseingang die mit weißer Farbe gemalte Aufschrift „LSR im Hof“, daneben ein im rechten Winkel abbiegender Pfeil. LSR, das hat 1944/45 jedem angezeigt, dass sich in diesem Haus – als nächstgelegener Schutzort bei einem Bombenangriff – ein Luftschutzraum befindet. Seit damals war das mehrstöckige Wohnhaus nicht mehr gefärbelt worden, Bombenzeit und Zweiter Weltkrieg waren auch nach 70 Jahren noch sichtbar!

„Das Vergangene ist nicht tot“, heißt es bei Christa Wolf, „es ist noch nicht einmal vergangen.“ Und was Thomas Mann 1945 schrieb, dass man als Deutscher fortan mit dem deutschen Schicksal und mit deutscher Schuld zu tun habe, gilt für uns Österreicher gleichermaßen: Geschichte ist etwas, das uns verfolgt, ob wir das mögen oder nicht. Manchmal wirkt sie ganz ungeniert nach. Als ich im abgelaufenen Jahr an einem „Heimatbuch“ für die oberösterreichische Gemeinde Gaflenz arbeitete, stieß ich in der Gemeindechronik auf eine merkwürdige Eintragung aus dem Jahr 1989: Im Zuge des Ausbaus der Weyrer Bundesstraße musste eine alte Mühle abgerissen werden. Auf den Holzplanken neben dem Eingang konnte man die Aufschrift „Jude verrecke!“ lesen. Die Schrift war mit der Zeit verblasst, aber sie war immer noch da. Ist das nie jemandem aufgefallen, habe ich mich gefragt, hat das niemanden entsetzt? Warum kann so etwas widerspruchslos die Zeiten überdauern? Nur zur Ergänzung: In der kleinen Gemeinde zwischen Ybbs- und Ennstal hat es nie Juden gegeben, was aber auch nichts besagt.

In meiner Heimatstadt Amstetten war noch in den 1960er-Jahren über einem Hauseingang auf dem Hauptplatz, nur wenige Schritte vom Rathaus entfernt, das Schild „Adolf-Hitler-Platz“ angebracht. Hatte man beim Schilderwechseln 1945 das übersehen? Und wie weit kann die Ignoranz einer Kleinstadtgesellschaft eigentlich gehen, die mit diesem „Vergessen“ lebt? Erst einem fremden Besucher fiel auf, was in der Stadt selbst offenbar niemanden gestört hatte . . .

In Gaflenz, das heute knapp 2000 Einwohner zählt, begegnete mir noch etwas anderes: Im Fundus alter Bilder entdeckte ich Fotos mit Hitler, stehend in einer schwarzen Mercedes-Limousine, den rechten Arm nach oben gestreckt, so wie man das von Aufnahmen aus dem März 1938 kennt, als der „Führer“ im „Triumphzug“ nach Wien fuhr und in jedem Ort entlang der Bundesstraße eins bejubelt wurde. Durch Gaflenz war er freilich nie gekommen. Spätestens auf den zweiten Blick erkennt man, dass es sich um einen Faschingszug handelt: nicht März 1938, sondern Faschingsdienstag 1959. Auf den anderen Bildern ist es dann unverkennbar: Hitler & Co. als unübersehbare Slapstick-Figuren.

Ich habe lang überlegt, ob ich die Fotos ins Heimatbuch aufnehmen soll. Wird hier nicht auf bedenkliche Weise verharmlost? So sorglos, sagte ich mir, dürfe man doch nicht mit Geschichte umgehen, der ganze Abgrund des Dritten Reiches war gerade einmal 14 Jahre zurückgelegen. Als ich die Fotos, eine ganze Serie, auf der auch ein „Goebbels“ und ein „Göring“ zu sehen sind, den Grafikern zeigte, mit denen ich das Buch gestaltete, entwickelte sich nach einer langen Diskussion eine zweite Sicht auf diese Aufnahmen: 14 Jahre nach dem Schrecken konnte man bereits darüber lachen, und vielleicht mag es ja so gewesen sein, dass man erst jetzt all die dunklen Erlebnisse hinter sich lassen konnte, denn auch die Besatzungszeit war kein Honiglecken gewesen: Bis 1955 war der Ort zweigeteilt, im Westen die Amerikaner, im Osten die Russen, die Demarkationslinie mitten durch die Gemeinde erschwerte den Alltag empfindlich, gar nicht zu reden von den Schikanen und gewaltsamen Übergriffen bis hin zu Vergewaltigungen und Morden durch russische Besatzungssoldaten, denen man schutzlos ausgeliefert war. Und dann war man das endlich los und konnte sich wieder unbeschwert geben . . .

Der den Hitler im Fasching gespielt hatte, wurde mir erzählt, sei ein echtes Original gewesen, ein „Blitzmaurer“, der nie eine Wasserwaage verwendete. Vermutlich hat er auch als Hitler so überzeugend improvisiert. Auf einem der Fotos sieht man ihn auf einer Tribüne stehen, er hält eine Rede, lacht verschmitzt. Was mochte er da von sich gegeben haben, das würde ich gerne wissen. Und haben wirklich alle gelacht? Zwei Jahre später, als erstmals der „Herr Karl“ auftrat, waren viele in Österreich vor den Kopf gestoßen, ja empört. So schonungslos mit der Last der Vergangenheit konfrontiert zu werden!

Ungefähr aus derselben Zeit datiert ein Foto, das ich unlängst in der Hand hielt, aufgenommen in einem Wirtshaus im niederösterreichischen Blindenmarkt. Ebenfalls Fasching, diesmal jemand als „Russe“ verkleidet: aufgeklebter Schnauzbart, das Gesicht ein wenig mit Ruß beschmiert, die Mütze mit dem aufgemalten Sowjetstern sitzt schräg auf dem Kopf, im Gürtel hat der Mann eine Pistole stecken. Und damit die Sache noch eindeutiger wird, trägt er gleich mehrere Armbanduhren, und an einer Kette hat er gar einen Wecker um den Hals gehängt. Er grinst triumphierend, als wäre damit im Nachhinein alles, was in der Besatzungszeit erduldet werden musste, für immer überwunden.

In dem Augenblick, da die Fotos gemacht wurden, konnten einem weder die Nazis noch die Russen mehr etwas anhaben. Aber die eigentliche Reflexion, auch die Frage nach der eigenen Verantwortung, bleibt in diesem Moment natürlich aus. Als gäbe es auch auf das Lachen über das Vergangene, auf das Durchschummeln durch die Geschichte einen Anspruch. Und wie hören wir dann das „Echo“, von dem Walter Benjamin schreibt, das noch lange nachhallt, wenn längst alles verstummt ist? Wie gehen wir damit um?

Knapp zwei Wochen nach dem Terroranschlag in der Wiener Innenstadt gehe ich durch den ersten Bezirk. Die Tatorte sind unübersehbar durch ein immer größer werdendes Meer an roten Lichtern gekennzeichnet. Die wird es natürlich irgendwann nicht mehr geben, irgendwann werden auch die gut gemeinten Aufschriften und spontanen Kondolenzzettel verschwinden und die Markierungen der Polizei, die anzeigen, wo die Erschossenen lagen. Aber die Fassungslosigkeit wird noch eine Weile bleiben, und man wird auch später noch wissen, dass es hier war. Kann man dann noch unbeschwert auf diesem Grund der Geschichte herumgehen? Walter Benjamin beschwört uns gleichsam, dass „nichts, was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist“. Damit trägt der Chronist, was immer er erzählt, „der Wahrheit Rechnung“. Anders gesagt: Es bleibt, es ist da, es liegt ein verborgener Sinn in ihm. Auch wenn das wahre Bild der Vergangenheit, so Benjamin, vor unseren Augen nur „vorbeihuscht“.

Geschichte vergeht nicht, und doch, fürchte ich, wird es so sein, dass sich die Sichtweisen verändern. Am 1. Mai 2012 besuchte ich Auschwitz-Birkenau, es war ein heißer Tag. Das ganze Lager voll mit Touristen, die einem wie Sonntagsausflügler begegneten, Familienväter, die auf der Rampe einen Kinderwagen schoben, junge Spanierinnen in Hotpants. Ein Hauch von Normalität? Ist das nur, weil das Geschehene mit der Zeit seine Direktheit verliert? Und weil auch das Wissen über Geschichte immer geringer wird?

„Hallo, ich bin Jana aus Kassel, und ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten aktiv im Widerstand bin.“ Dieser Auftritt einer „Querdenkerin“, die so bedenkenlos ihrem Protest gegen Corona-Maßnahmen Ausdruck verleihen wollte, ging kürzlich durch die Medien. Der Aufschrei war groß, und doch werden viele genauso wie „Jana aus Kassel“ die Ungehörigkeit dieser Aussage gar nicht begriffen haben. Immerhin handelt es sich bei Jana, die wenig über Geschichte Bescheid weiß, um eine 22-jährige Studentin.

Tage vorher hatte ein elfjähriges Mädchen auf sich aufmerksam gemacht, das meinte: „Ich fühle mich wie Anne Frank“, weil sie ihren Geburtstag unter Pandemiebedingungen ganz still und leise feiern musste. Keine große Party. Und doch erstaunlich, dass das Mädchen überhaupt von Anne Frank weiß – aber begriffen hat auch sie von alldem nichts. Was ist das für eine Gesellschaft, frage ich mich, in der eine Elfjährige, nur weil sie nicht Party machen kann, sich mit einem ausgegrenzten, verfolgten, mit dem Tod bedrohten jüdischen Mädchen im Jahr 1944 vergleicht?

Wieso müssen überhaupt NS-Vergleiche bemüht werden, sobald sich jemand – wohlgemerkt: in einem Rechtsstaat und einer funktionierenden Demokratie! – ungerecht behandelt fühlt? Lassen Anti-Terror-Maßnahmen des Verfassungsschutzes wirklich an die „Pogromnacht“ denken, wie ein islamischer Politikwissenschaftler jüngst meinte? Ähnlich hatte es H.-C. Strache 2012 formuliert, als es im Zuge des „Akademikerballs“ zu Angriffen auf Burschenschafterbuden gekommen war: Es sei „wie die Reichskristallnacht gewesen“, und: „Wir sind die neuen Juden!“ Das hatte übrigens auch Otto von Habsburg bezüglich der Enteignung seiner Familie im Jahr 1919 gemeint. Und nun hört man Gleiches aus Ungarn, weil die EU von der ungarischen und polnischen Regierung Rechtsstaatlichkeit einfordert.

Muss man sich also wundern, wenn dieser Tage als Reaktion auf Corona-Einschränkungen von staatlicher Willkür und gar der Errichtung eines faschistischen Systems gefaselt wird, ja wenn vermeintlichen „Querdenkern“ angesichts einer lebensrettenden Maßnahme wie einer Impfung gegen Covid allen Ernstes der Holocaust in den Sinn kommt? „Impfen macht frei“, konnte man auf Schildern lesen, die auf Demonstrationen in Wien hochgehalten wurden, und auf denen das Lagertor von Auschwitz abgebildet war. Und in Deutschland kann man auf der Straße „Querdenkern“ begegnen, die eine Nachbildung des sogenannten Judensterns an ihrer Kleidung tragen . . .

Mit welcher Kurzsichtigkeit, Dummheit, Unverschämtheit haben wir es da zu tun? Hier wird nichts weniger als Geschichte missbraucht, wenn es auch in vielen Fällen aus Unwissenheit geschehen mag. Oder sie wird uminterpretiert, um eine augenblickliche Stimmung oder ein verqueres Weltbild zu stärken. So hat Walter Benjamin das mit dem „Anspruch“ nicht gemeint. Von wegen „Dem Vergangenen zur Anerkennung“ . . . ■

Gerhard Zeillinger

Geboren 1964 in Amstetten, freier Autor, Historiker und Literaturwissenschaftler. Zuletzt erschienen bei Kremayr & Scheriau „Überleben. Der Gürtel des Walter Fantl“ (2018) und im Innsbrucker Studienverlag „Julian Schutting. Schreibprozesse. Werk und Material“ (2019).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2020)