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Expertise I

Martinuzzi: „Wollen wir so wohnen und leben wie jetzt?“

André Martinuzzi (WU Wien)(c) Lukas Pelz
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Was bedeutet Nachhaltigkeit beim Wohnen konkret und wer ist dafür verantwortlich? Ein Gespräch mit André Martinuzzi (WU Wien) über ökonomische und soziale Aspekte, innovative Technologien und die Bedeutung von „smart“.

Wie lauten die Kriterien für Nachhaltigkeit beim Wohnen?

Nachhaltigkeit beim Thema Wohnen umfasst vieles, etwa den Energie- und Materialverbrauch und soziale Aspekte. Bezüglich Energie kann man zwischen direktem Verbrauch (Heizen, Kühlen, elektronische Geräte etc.) und indirektem Verbrauch unterscheiden. Letzterer bezieht sich auf verwendete Materialien oder die Distanzen, die wir in Siedlungsstrukturen zwischen Wohn-, Arbeits- und Freizeitorten zurücklegen. Studien haben übrigens gezeigt, dass der indirekte, von den Verkehrswegen verursachte Verbrauch größer ist als jener, der beim Heizen und Kühlen anfällt. Beim Thema Material geht es in erster Linie um Baustoffe. In Österreich stellt Bauschutt – nach Gewicht und Menge bemessen – das größte Abfallaufkommen dar. Das zeigt die Bedeutung von Recycling auf. Der Materialverbrauch steigt übrigens um ein Vielfaches an, wenn wir schnellen Kaufzyklen folgen und Modetrends folgend alle paar Jahre unsere Wohnung komplett neu einrichten würden.

Der soziale Aspekt der Nachhaltigkeit kommt wiederum beim Thema leistbares Wohnen zum Ausdruck sowie auch bei der Rolle des Wohnens in Bezug auf soziale Kontakte und gesellschaftliche Teilhabe.

Wer ist für die Nachhaltigkeit verantwortlich?

Es ist eine geteilte Verantwortung. Auf der einen Seite gibt es große Entscheidungsträger wie Wohnbaugesellschaften, Architekten und Gemeinden, die weitreichend dafür verantwortlich sind, wie die Gebäude und Siedlungsstrukturen gestaltet sind, in denen wir dann Jahre oder Jahrzehnte wohnen. Auf der anderen Seite hat jeder ein Maß an Eigenverantwortung, das mit vielen kleinen persönlichen Entscheidungen einhergeht. Dabei geht es vor allem um die alltäglichen Praktiken, etwa ob man das Frühstück zu Hause mit der Familie genießt oder in der U-Bahn am Weg zur Arbeit einen Coffee to go konsumiert. Da geht es oftmals um kleine, nahezu unmerkliche Veränderungen, die gesellschaftlichen Trends unterliegen, die sich aber insgesamt auf die Nachhaltigkeit auswirken. Es hat also Sinn, sich ab und zu bewusst die Frage zu stellen, ob wir gerade so wohnen und leben, wie wir das auch möchten.

In den letzten Jahren ist viel vom Smart Home die Rede. Welches Potenzial hat die Digitalisierung unseres Wohnalltags?

Aktuell sind Smart Homes eher Nischenangebote für technikaffine Menschen, die gern schon auf dem Weg nach Hause per Smartphone die Heizung in ihrer Wohnung aktivieren oder über eine Kamera nachschauen möchten, was ihr Hund oder ihre Katze zu Hause gerade macht. Das fällt in den Bereich der Gadgets. Smartes Wohnen kann aber in Zukunft auch bedeuten, dass wir im Alter länger und eigenständig zu Hause leben und uns dabei mit intelligenter Technologie zu mehr Fitness und Gesundheit verhelfen. Das wäre dann für alle Menschen von Interesse. Als technologische Megatrends sehe ich die Digitalisierung und dabei vor allem die Virtualisierung, also Augmented und Virtual Reality. Wie sehr dies auch in unserem Wohnbereich Einzug hält, haben gerade die letzten Monate gezeigt. Wir alle haben in der Coronakrise stärker denn je erlebt, dass man von zu Hause aus dem Beruf nachgehen, die sozialen Kontakte pflegen und gewisse Freizeitbedürfnisse stillen kann. Die Technik, die unsere Aktivitäten unabhängig von Ort und Zeit macht, verändert unsere Möglichkeiten. Auch die Interaktion von Mensch und Maschine ist hier ein großes Thema. Der Umstand, dass Systeme mit künstlicher Intelligenz immer gegenwärtiger werden, schürt dabei zugleich die Angst vor digitaler Überwachung – was ebenfalls in letzter Zeit zu beobachten war, wie die Diskussionen rund um die Corona-App gut gezeigt haben.

An den Smart Homes der Zukunft wird zum Beispiel in dem von Ihnen geleiteten EU-Projekt Living Innovation gearbeitet. Worum geht es dabei im Detail?

Living Innovation (www.living-innovation.net, gefördert durch das Programm Horizont 2020 der EU-Kommission, Anm.) ist eine Initiative, die von unserem Institut für Nachhaltigkeitsmanagement an der WU Wien koordiniert wird. Das Projekt vereint 14 Partner aus zehn europäischen Ländern, darunter neun führende Unternehmen in den Bereichen Smart Home und Smart Health.

Ziel ist die Entwicklung verantwortungsbewusster, intelligenter Wohnlösungen, die gesellschaftliche Herausforderungen angehen und auf drängende Trends reagieren. Einzigartig ist bei diesem Projekt die Teilnahme von Industrieunternehmen, die sich mit Nutzern in Co-Creation-Prozessen zusammenschließen, um gemeinsam Lösungen zu schaffen, die die Bedürfnisse der Nutzer erfüllen und die kollektive Kreativität nutzen, um neue Geschäftsmöglichkeiten aufzudecken. Auf diese Weise will die Initiative der Industrie und der Öffentlichkeit zeigen, was verantwortungsbewusste Innovation ist und wie die Bürger in die Innovationsentwicklung einbezogen werden können.

Zur Person:

André Martinuzzi leitet das Institut für Nachhaltigkeitsmanagement an der WU Wien. Er ist Experte im Bereich CSR, Evaluationsforschung, nachhaltige Entwicklung und Knowledge Brokerage und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Leitung EU-weiter Forschungsprojekte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2020)