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Der ökonomische Blick

Weihnachten ist Vertrauenssache – die Wissenschaft auch

APA/HERBERT NEUBAUER
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In der Coronakrise ist Vertrauen ein wichtiges Thema. Aber vertraut die Politik wirklich der Wissenschaft? Der Entwurf des Wissenschaftsministeriums lässt daran zweifeln.

Weihnachten ging es immer schon um Vertrauen – die Schafe vertrauten den Hirten, die Hirten vertrauten den Engeln und die drei Könige vertrauten dem Stern. Und auch heute vertrauen wir darauf, dass der günstige Zweigelt, den wir zum Festtagsbraten eingekauft haben, so schmeckt, wie es uns der Verkäufer versprochen hat. Oder dass der entzückende Pyjama für unsere Tochter nicht durch Kinderarbeit produziert wurde. Und dieses Jahr kommt noch eine entscheidende Frage hinzu: Vertrauen wir den Fachleuten oder doch dem einen oder anderen Querdenker, wenn wir uns überlegen, mit wem wir uns wann in welchem Aggregatzustand unter den Weihnachtsbaum setzen?

Zwischen dem günstigen Zweigelt einerseits und dem Pyjama oder dem Expertenrat andererseits gibt es jedoch einen wesentlichen Unterschied: Beim Zweigelt ist nach Verkosten des ersten Tropfens alles klar, dem Pyjama sehe ich aber auch nach jahrelangem Tragen nicht an, wie alt seine Hersteller gewesen sind. Und genauso wenig sehe ich den Daten einer Studie an, ob sie nach allen Regeln der wissenschaftlichen Handwerkskunst ermittelt wurden oder ob sie dem Erfindungsreichtum eines Scharlatans entsprungen sind. Um sich über den Pyjama zu freuen oder dem Expertenrat guten Gewissens zu folgen braucht man Vertrauen – sie sind sogenannte Vertrauensgüter.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Die Forschung dazu, was Vertrauen schafft, betont vor allem eines: Die Konsumenten der Bekleidung oder die Rezipienten des Expertenrates müssen ein echtes Interesse an der Wahrheit haben. In einer groß angelegten Laborstudie an der Universität Innsbruck wurden beispielsweise Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen vor die Wahl gestellt, ein fiktives Konsumgut entweder mit einer grünen oder einer braunen Technologie herzustellen. Die grüne Technologie ist teurer, verursacht jedoch im Gegensatz zur braunen Technologie keinen Schaden für einen unbeteiligten Dritten (der ebenfalls ein Teilnehmer an diesem Experiment ist). Das auf diese Weise produzierte Gut wird nun zu einem frei gewählten Preis anderen Teilnehmern des Experiments zum Kauf angeboten. Diese Teilnehmer erfahren jedoch nicht, ob das Konsumgut mit Hilfe der braunen oder grünen Technologie hergestellt wurde. Sie beobachten lediglich ein Label (braun oder grün), welches der Produzent des Gutes auswählt und der tatsächlich verwendeten Produktionstechnologie entsprechen kann oder aber den Konsumenten betrügt.

Das Experiment zeigt, dass zahlreiche experimentelle Produzenten die grüne Technologie wählen und dass die Konsumenten bereit sind, für das grüne Label mehr zu zahlen als für das braune. Es zeigt sich jedoch auch, dass eine zufällig Überprüfung und Bestrafung der betrügerischen Nutzung des grünen Labels zwar eben diese betrügerische Nutzung deutlich eindämmt ohne jedoch die Zahlungsbereitschaft der Konsumenten deutlich zu steigern. Ebenso herrscht seitens der Konsumenten wenig Interesse an einem Zertifikat für grüne Produktion welches die Produzenten nur erwerben können, wenn sie auch tatsächlich grün produzieren. Insbesondere wird deutlich, dass Wettbewerb zwischen den Produzenten zwar die Preise stark drückt, jedoch die Konsumenten mehrheitlich die offen als braun produziert erkennbaren Güter, die besonders günstig angeboten werden, auswählen. Mit dem Interesse an grüner Produktion seitens der Konsumenten ist es also zumindest in diesem Experiment nicht weit her - man ist bereit, einen Aufschlag für ein grünes Label zu zahlen, jedoch nur, wenn dieser nicht zu hoch ist. Wie wahrscheinlich es ist, dass tatsächlich grün produziert wurde, ist dafür eher unerheblich.

Bricht eine Ära der wissenschaftsbasierten Politik an?

Aber wie sieht es aus mit den derzeit wichtigsten Konsumenten des Vertrauensguts wissenschaftlicher Expertise, den in der konkreten Verantwortung der Pandemie-Bekämpfung stehenden Politikern? Sie hören der Wissenschaft in noch nie da gewesener Weise zu. Aber bricht damit nun eine Ära der wissenschaftsbasierten Politik an? Vertrauen die Mächtigen nun der Wissenschaft? Wer den aktuellen Entwurf des Wissenschaftsministeriums zur Novelle des Universitätsgesetzes anschaut, wird diese Fragen mit nein beantworten. In diesem Entwurf wird die Autonomie der Universitäten (bei der Auswahl ihrer Leitung, der Entscheidung was in welcher Form gelehrt wird oder auch wer auf eine Professur berufen wird) in einer Weise beschnitten, dass es Verfassungsrechtler nur staunen lässt, und es werden bürokratische Strukturen geschaffen, die nur eines sicherstellen sollen: dass das Ministerium eine möglichst weitgehende Kontrolle über die Universitäten erreicht.

Ein grünes Label der Wissenschaftlichkeit heftet sich sicherlich im Moment jeder Entscheidungsträger gerne ans Revers. Es brauch zu offensichtlich die Wissenschaft, um eine der großen Krisen der Nachkriegszeit in den Griff zu kriegen. Wenn man der Wissenschaft aber auch zutraut, produktiv an der Gestaltung der Universitäten dieses Landes mitzuwirken, braucht es einen anderen – vertrauensvolleren – Gesetzesentwurf.

Der Autor

Markus Walzl studierte Physik und Mathematik an der Universität Bonn und ist Professor für Wirtschaftstheorie sowie Dekan der Fakultät für Volkswirtschaft und Statistik an der Universität Innsbruck.

Markus Walzl
Markus Walzl

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