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Nachruf: "Biedermann mit einem Querkopf als Maske"

(c) AP (Lionel Cironneau)
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Laurent Fignon erlag seinem Krebsleiden. Zweimal gewann der ehemalige Radprofi die Tour de France, zweimal fiel er als Dopingsünder auf. Sein Tod wirft die Frage auf, in welchem Verhältnis Doping und Krebs stehen.

Als bei Laurent Fignon 2009 Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wurde, ging der Franzose sofort an die Öffentlichkeit. Er kämpfte – so wie er es zuvor jahrelang als Radprofi getan hatte – vor Publikum.

So wie er früher Duelle im Sattel vor Zeugen ausgetragen hatte, berichtete er nun laufend über sein Leben mit der Krankheit: Darüber, dass ihm sein Freund Lance Armstrong, der 1996 ebenfalls an Krebs erkrankt war, die besten Ärzte vermittelte. Darüber, dass die ersten Chemotherapien nicht anschlugen. Aber auch darüber, wie zuversichtlich er seinen 50.Geburtstag am 12.August dieses Jahres feierte. Die Angst vor dem Tod konnte er allerdings nicht ausblenden: „Ich will nicht mit 50 sterben“, hatte er gesagt. Er habe seine Ärzte angewiesen, seine Überlebenschancen nicht zu beziffern: „Ich kämpfe weiter. Prognosen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen nützen Krebspatienten nicht.“

 

„Man lebt nicht, man vegetiert“

Die Nähe zur Öffentlichkeit hatte ihm als aktivem Fahrer nicht behagt, er hatte versucht, Distanz zu Fans, Journalisten und Kollegen zu wahren. Zum Nationalhelden hatte sich Fignon, der den blonden Pferdeschwanz und die Nickelbrille zu seinen Erkennungszeichen gemacht hatte, für gänzlich ungeeignet gehalten. Das änderte sich nicht, als er 1983 und 1984 die Tour de France gewann. Mit seiner Aussage über den Radfahrerberuf verstörte Fignon, der an der Sorbonne Veterinärmedizin inskribiert hatte, die Fans vielmehr: „Man lebt nicht, man vegetiert. Man ist ein Mensch, der fährt, isst, schläft, der sich erholt, sich aber intellektuell nicht weiterentwickelt.“ Nach außen wirkte er kühl und exzentrisch zugleich, im engsten Freundeskreis hingegen herzlich und beinahe angepasst. Im Buch „Unvergessliche Rennen und ihre Helden“ von Helmer Boelsen findet sich die Zuschreibung der schweizerischen Journalistin Caroline Hostettler: „Fignon ist ein Biedermann mit einem Querkopf als Maske.“

Die Frankreich-Rundfahrt hatte ihn zum Star gemacht, die Tour war es allerdings auch, die ihm die größte sportliche Niederlage seiner Karriere bescherte: Den dritten Sieg vor Augen, verlor er am 23.Juli 1989 das finale Zeitfahren über 24,5 Kilometer von Versailles über die Champs-Élysées zum Triumphbogen. Der Amerikaner Greg LeMond hatte dem gebürtigen Pariser, der zuvor den Giro d'Italia gewonnen hatte, dank revolutionärer Radtechnik und aerodynamisch geformtem Helm den vermeintlich sicheren Sieg um acht Sekunden weggeschnappt. Bis heute ist dies das knappste Ergebnis der Tour-de-France-Geschichte.

Für den französischen Fernsehsender France2 hatte er noch in diesem Jahr die Schlüsseletappen der Tour mit brüchiger und rauer Stimme kommentiert. „Ein Tumor drückt auf meine Stimmlippe. Deshalb höre ich mich so an.“

 

Doping als Krebsursache?

Laurent Fignons Tod am gestrigen Dienstag wirft die Frage auf, in welchem Zusammenhang Doping und Krebserkrankungen stehen. Der Franzose war zweimal, 1987 und 1989, positiv getestet worden, nachdem er mit Amphetaminen und Cortison experimentiert hatte. In seiner im Vorjahr veröffentlichten Autobiografie, „Wir waren jung und unbekümmert“, schrieb er: „Ich habe den Ärzten offen gesagt, was ich genommen habe. Sie meinten, verglichen mit dem heute in Radsport-Kreisen Üblichen, ist das ein Witz und als Erklärung für meinen Krebs zu simpel.“

Diese Meinung teilt Norbert Bachl, Leiter des Zentrums für Sportwissenschaften der Uni Wien. Zwischen der Einnahme von Amphetaminen und einer Krebserkrankung will der Mediziner keinen Zusammenhang herstellen. Bachl verweist aber darauf, dass alle anabolen Wirkstoffe, die ebenfalls zu Dopingzwecken missbraucht werden, als kanzerogen, also krebserzeugend, gelten. So wie eben alle Wachstumshormone. Das sei durch mehrere Studien belegt. „Auch dem Blutdopingpräparat EPO wird kanzerogene Wirkung zugeschrieben“, sagt Bachl. Zudem verweist er auf eine Studie der Humboldt-Universität zu Berlin, die an ehemaligen Sportlern der DDR durchgeführt wurde. Systematisches Doping hatte dort verheerende Spuren hinterlassen: Wissenschaftler stellten bei 25 Prozent Krebserkrankungen fest.

Fignon selbst wollte um den Zusammenhang zwischen Doping und Krebs wissen, musste aber gestehen: „Darauf weiß keiner eine Antwort.“ In 20 Jahren werde es Analysen geben, schätzte er kürzlich: „Ich wäre froh, dann eine Expertise abliefern zu können.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2010)

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