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Am Herd

Ein Jahr nach Herzinfarkt: Erinnerung daran, wie sich Triage anfühlt

Und wir wussten, mein Mann würde nicht die beste Behandlung bekommen, sondern nur die zweitbeste. Ein Jahr nach dem Herzinfarkt: Eine Erinnerung daran, wie sich Triage anfühlt.

Manchmal ist kein Platz mehr im Rettungswagen. Manchmal steht man dann auf der Gasse, als Frau, als Kind, als Ehemann, als Mutter, und sieht dem Auto nach, wie es davonfährt mit dem geliebten Menschen als Fracht. Die Sanitäter haben dir noch schnell die Adresse des Spitals gesagt und du rufst ein Taxi. Das auf sich warten lässt. Das kein Blaulicht hat. Das an jeder roten Ampel halten muss, und so viele Ampeln sind rot. Du zahlst. Du drückst den Knopf zum Lift, der nicht kommen will. Dann bist du endlich da, aber der, für den du da bist, ist verschwunden, in einem Zimmer der Intensivstation, und ein Pfleger kommt und sagt: „Setzen Sie sich doch. Ihr Mann wird untersucht.“

Da sah ich den anderen Patienten. Er wurde gerade von den Sanitätern hereingeschoben, er war sehr dick und schwitzte und seine Haut war wächsern bleich. Er war so benommen, dass er die Fragen der Ärzte nicht beantworten konnte, ihm entrang sich nur ein Stöhnen.

Dieser Patient war jünger als mein Mann. Darum, erfuhr ich später, wurde er zuerst zum lebensrettenden Herzkathetereingriff gebracht.

Mein Mann musste warten.

Und ich, als ich endlich zu ihm durfte, wartete mit ihm. Es ist schwer zu warten, wenn man weiß, dass es auf jede Minute ankommt, wenn man die Warnungen im Ohr hat, nicht zögern, sofort anrufen, je früher, desto besser, und wir hatten nicht gezögert, wir hatten alles richtig gemacht, und nun saß ich da, am Bett meines Mannes, und es verstrichen die Viertelstunden, während auf dem Monitor die Linie flackerte, beruhigend und bedrohlich zugleich: Es schlägt, das Herz. Aber wie lang schlägt es noch? Und schlägt es, wie es sollte? Oder zu langsam, zu schnell, zu schwach?


Schaden. Immer wieder kam ein Arzt vorbei: Der Eingriff beim anderen Patienten sei komplizierter als gedacht. Um meinen Mann in ein anderes Krankenhaus zu verlegen, sei es zu spät. Seine Werte hätten sich verschlechtert. Ich hörte die zunehmende Unruhe in seiner Stimme, als er uns mitteilte, dass uns die Zeit davonläuft, dass er mit einer Lysetherapie beginnen wolle. Plan B, also. Die Lyse. Sie kann helfen. Dann ist alles gut, dann überlebst du. Oder sie hilft nicht. Dann kann sie schaden.

Das bedeutet Triage.

Mein Mann hat überlebt. Ich konnte zusehen, wie er wieder besser Luft bekam, die Schmerzen ließen nach, der Arzt gab Entwarnung, der Pfropfen hatte sich aufgelöst, bald schickte ich den Kindern eine Nachricht: „Papa geht's besser!“ – „Yayyyyyyyyyyyyyy“, kam es zurück.

Bevor ich ging, sah ich noch, wie der andere Patient in die Station gerollt wurde. „Fast hätten wir zwei Tote gehabt“, sagte der Arzt.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2020)