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Mein Montag

Das war mein schönstes Weihnachtserlebnis

Das war mein schönstes Weihnachtserlebnis. Dieser Satz war einst die Angabe zu einer Deutsch-Hausübung in der Volksschule.
Das war mein schönstes Weihnachtserlebnis. Dieser Satz war einst die Angabe zu einer Deutsch-Hausübung in der Volksschule.Christine Pichler
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Gibt es ihn eigentlich noch, diesen Klassiker der Hausaufgaben in der Volksschule?

Das war mein schönstes Weihnachtserlebnis. Dieser Satz war einst die Angabe zu einer Deutsch-Hausübung in der Volksschule. Und mit einer Wahrscheinlichkeit von knapp hundert Prozent war die Angabe auch gleichzeitig der Titel und der letzte Satz des fertigen Textes. Und unter uns, eine Kolumne ist oft auch nicht viel mehr als eine solche Hausübung. Nun dann ... Als Kind glaubt man an viele Dinge, die einem von den Erwachsenen erzählt werden. Etwa an das „Goldene Buch“. Kennen Sie das? Das war ein Stück schwarze Pädagogik meiner Kindheit. Jedes Mal, wenn man mit schlechtem Gewissen vor der Großmutter stand, aber nicht zu gestehen wagte, was man ausgefressen hatte, griff sie ins Bücherregal. Dort stand ganz oben, außerhalb der Reichweite von Kinderhänden, ein Buch mit gülden glänzendem Einband. Darin, sagte sie, stand alles, wirklich alles. Und schon der Gedanke, dass sie es aufschlagen und lesen könnte, was man angestellt hatte, reichte: Man brach in Tränen aus und gestand sein Vergehen. Die Großmutter stellte das Buch zurück ins Regal. Und sie schimpfte, sprach einfühlsame Worte oder was ihrer Ansicht nach gerade passte.

Nun, irgendwann in den Weihnachtsferien, da machte sie einen Fehler – denn da ließ sie das Werk einfach auf dem Tisch liegen. Und so war, als sie kurz aus dem Zimmer ging, ein Blick hinein möglich. Und was stand nun in dem goldenen Buch? Die gesamte Wahrheit der Menschheit? All meine Schandtaten nach Schwere und Datum geordnet? Mitnichten. Es war ein simples Kochbuch. Nur eben schön eingebunden.

An diesem Tag ging ein kleines Stück Kindheit verloren – aber nicht im negativen Sinne. Es war ein Schritt hin zur Gewissheit, dass man nicht alles, was die Erwachsenen so erzählen, auch immer glauben muss ...

Das war mein schönstes Weihnachtserlebnis.

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2020)