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Unterwegs

Meine Seele geht auf Reisen

Symbolbild.
Symbolbild.(c) imago/Westend61
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Wir können nicht weg – aber auch im Home Office lässt es sich mit ein wenig Vorstellungskraft reisen.

Wegfahren ist bis auf Weiteres ein Abenteuer im Kopf. Meines beginnt wochentags knapp vor sieben Uhr morgens mit dem Wetterbericht auf France Inter. Schon ein Segen, so ein Internetradiogerät, denn so kann ich jeden Tag in der Früh raten, in welcher französischen Stadt es wohl am wärmsten (beziehungsweise am wenigsten kalt) sein wird. Fast immer gewinnt Korsika, die Frage ist einzig, ob es in Bastia, Ajaccio oder Bonifacio die höchste Temperatur zu vermelden gibt (nur selten grätscht Montpellier dazwischen). Dann, während ich dem Kaffee beim Kochen zuschaue, dann und wann ein paar Orangen auspresse und mit dem Buttermesser über die Scheibe Toastbrot kratze, geht meine Seele auf Reisen, nach Korsika, auf die Lieblingsinsel, und ich ärgere mich ein bisschen, beim letzten Sommerurlaub dort wieder nicht den Mut aufgebracht zu haben, Seeigel auszuprobieren. Dann marschiert der Tag voran, und an allen Ecken, scheint mir, winken mir Erinnerungen an die grenzenlose Welt vor und hoffentlich nach der Seuche zu: zum Espresso nach dem Mittagessen im Home Office, das Sackerl Zucker, das habe ich einst in Sevilla eingesteckt. Der „Grüffelo“, welchen ich meiner Tochter vorlese: den hat ihr die liebe Alma geschenkt, vorletzten Sommer, im Schafbergbad, als wir auf Wien-Urlaub waren. Und da, im Gewürzschrank in der Küche: die bröseligen Lorbeerblätter in der alten Keksdose aus Savannah, Georgia. Überall Proustsche Madeleines, kleine Erinnerungshilfen, die das Kopfkino anwerfen und uns auf die Suche nach der verlorenen Zeit schicken. . .

Mail: oliver.grimm@diepresse.com

Nächste Woche: Karl Gaulhofer

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2020)