Ob die Marktwirtschaft zu einer gerechten Einkommensverteilung führt, beschäftigt in Alpbach alle – sogar einen echten Bischof.
Alpbach. Schaffen Marktwirtschaft und freier Wettbewerb mehr oder weniger Gerechtigkeit – bei den Chancen, bei Einkommen und Vermögen, bei der Möglichkeit zu einem glücklichen Leben? Über solch erste und letzte Fragen des Wirtschaftslebens zerbrach sich fürs Alpbacher Podium erstmals auch ein Kirchenmann den Kopf.
Der Kärntner Bischof Alois Schwarz rief im Ton des Predigers dazu auf, den Markt gerecht zu machen – und wurde von Topmanager Claus Raidl gleich in weltliche Schranken gewiesen: „Der Markt ist nicht gerecht. Er ist nur ein Mechanismus zur Verteilung knapper Güter.“ Moralisch neutral, ist er auch nicht dazu da, die Unterschiede zwischen Arm und Reich zu verkleinern. Aber schafft er das vielleicht ganz nebenbei? Daran haben viele Ökonomen lange geglaubt, erklärte Thomas Fricke von der „Financial Times Deutschland“. Große Unterschiede, so die Erwartung, gleichen sich à la longue aus: Wenn die Armen sehen, zu welchem Wohlstand es andere bringen, eifern sie diesen hoch motiviert nach. So verringert sich die Kluft, ohne dass – durch mehr Steuern und Umverteilung– die Reichen Einbußen erleiden und der Leistungsanreiz sinkt.
Diese optimistische Theorie hat Kratzer abbekommen. Empirische Daten bestätigen sie für aufstrebende Schwellenländer, aber nicht unbedingt für hoch entwickelte Industrienationen. In Ländern mit früher schon großem Abstand zwischen Arm und Reich – vor allem in den USA oder Großbritannien – vergrößert sich die Kluft weiter.
Freilich konnten diese Länder in den beiden letzten Jahrzehnten mit höheren Wachstumsraten punkten als das „egalitärere“ Kontinentaleuropa oder Japan. Vielleicht lässt der Effekt ja nur etwas auf sich warten.
Diese Hoffnung hat der britische Sozialforscher Richard Wilkinson in ein fahles Licht gerückt. In seinem Buch „The Spirit Levels“, das als „neue Bibel der Linken“ gefeiert wird, setzt er, mit vielen Studien als Beleg, mehr Gleichheit mit mehr Glück für alle gleich. Denn das Erleben großer Unterschiede verursache Stress, Krankheit, erhöhe die Kriminalität und senke die Lebenserwartung. Das verursache nicht nur hohe soziale Kosten, sondern mache auch die Reichen selbst unglücklich.
Diese Thesen sind natürlich wild umstritten. Aber die Debatte allein zeugt schon von einem neu erwachten Unbehagen an der Verteilung des marktgegebenen Reichtums. Es rührt wohl auch vom Siegeszug der Finanzindustrie. Wehmütig denkt Raidl an Zeiten zurück, als wir Einkommensunterschiede mit dem Leistungsprinzip gerechtfertigt haben: Wer als Industrieller mehr leistet, soll auch viel mehr verdienen dürfen als seine Arbeiter.
Erfolg statt Leistung zählt
„Was aber“, fragt sich der Chef von Böhler-Uddeholm, „leistet ein Investor an der Börse, der mit Glück viele Millionen verdient und dafür kaum Steuern zahlt, für die Gesellschaft?“ Seinesgleichen hält Finanzmärkte am Laufen, wovon alle profitieren, ließe sich darauf antworten. Aber das dämpft wohl kaum den Zorn über die Gewinnkonzentration in der Bankenbranche, deren Angestellte, wie Franke erwähnt, „bis in die 70er-Jahre bestenfalls durchschnittlich verdienten“. Dass sich dies änderte, hat freilich weniger mit der viel zitierten „Liberalisierung“ der Finanzmärkte und mehr damit zu tun, dass die Branche produktiver wurde – allzu produktiv, wenn manche ihrer „Innovationen“ auf Sand gebaut sind und schwere Krisen auslösen.
Was aber ist überhaupt ein „gerechter“ Verdienst? Philosoph Rudolf Burger wischt diese Frage – mit Platon als Kronzeugen – vom Tisch eines sinnvollen Diskurses: „Gerechtigkeit lässt sich nicht definieren, sie ist nur eine regulative Idee“. Deshalb werden die Reichen weiter ihren Besitzstand wahren und die Armen mehr umverteilen wollen: „Das ist die Motivation für Geschichte“. Denn wenn wir wüssten, was gerecht ist, wären alsbald alle zufrieden – und das Rad der Geschichte stünde für immer still.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2010)