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Natalie Portman: Sterbender Schwan im Sexwahn

(c) Filmfestspiele Venedig
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Natalie Portman tanzt sich zu Tode: Die Filmmostra wurde mit dem erheiternd debilen Ballett-Thriller "Black Swan" eröffnet. Dessen Regisseur, Darren Aronofsky, wurde zuletzt für "The Wrestler" geehrt.

Eine starke Hollywood-Selektion hat sich Direktor Marco Müller für die diesjährige Filmmostra am Lido gesichert. Bei den starfixierten italienischen Medien ist es unerlässlich, dass Traumfabrik-Stars über den roten Teppich flanieren. Dafür kann sich Müller leisten, die populären Filme gewagter mit radikalen Kinoentwürfen zu kombinieren als andere Direktoren. Heuer muss das Defilee der Stars auf dem Weg in die Sala Granda auch von der riesigen Baustelle ablenken: Der Großteil des Geländes ist im Umbau, der alte Filmpalazzo soll bis 2012 durch ein modernes Kinoplex ersetzt werden.

Zur Eröffnung hat Müller gleich einen Wettbewerbsfilm mit hohem Paparazzi-Faktor aufgeboten. Der Ballett-Thriller Black Swan hat mit Natalie Portman und Mila Kunis zwei hübsche Hauptdarstellerinnen, und Regisseur Darren Aronofsky kehrt nach einem Erfolgscoup in die Venedig-Konkurrenz zurück: Zuletzt erhielt er am Lido für The Wrestler den Goldenen Löwen, während sein Hauptdarsteller Mickey Rourke bis zur Oscar-Nominierung kam. Tatsächlich behauptet Aronofsky, sein neuer Film sei Vater desselben Gedankens: Aus einer Liebesgeschichte zwischen einem Wrestler und einer Balletttänzerin seien schließlich zwei verschiedene Produktionen geworden.

Das erklärt vielleicht, warum sich Black Swan wie ein Wrestler beim Sprung vom Seil in überzogen inszenierte physische Horrorszenarien stürzt: Natalie Portman spielt das Stereotyp der Ingenue – jungfräulich, zurückhaltend und lebensunerfahren, eine Tänzerin, die sich ganz der technischen Perfektion und einem rigiden Körperregime verschrieben hat. „Frigid bitch!“, urteilt der (selbstverständlich französische) Leiter des Balletts (Vincent Cassel), um ihr dann doch eine Chance zu geben, nachdem er seine gealterte Diva (eine feine Nebenrolle für Winona Ryder) abserviert hat.

Mit Tschaikowskis „Schwanensee“ will er seinen nächsten Star lancieren, vorausgesetzt, sie bewältigt nicht nur die Rolle der guten, weißen Schwanenprinzessin, sondern überzeugt auch als deren negatives Spiegelbild, der schwarze Schwan des Titels. „Lebe ein bisschen“, rät ihr der Chef zur Steigerung der emotionalen Leidenschaft – und schickt sie zum Masturbieren heim.

Das tut Portman mit Nachdruck. Ob Black Swan, wie vorab kolportiert, wieder ein Oscar-Kandidat ist, darf bezweifelt werden. Denn trotz des respektablen Hochkulturanstrichs ist der Film im Herzen ein trashiger Sex-Schocker: Konkurrentin Kunis bringt zwar etwas Leben ins Spiel, als sie der Heldin bald in jeder Hinsicht zu nahe kommt, aber Aronofskys Interesse gilt vor allem seinen künstlichen Effekten, die dem manichäischen Bedeutungsgefuchtel Nachdruck verleihen sollen.

 

Kampfkunst-Parcours im Ersten Weltkrieg

Portmans Spiegelbild entwickelt ein Eigenleben, und überhaupt wird jede sich bietende Metapher missbraucht, um die Persönlichkeitsspaltung so richtig einfahren zu lassen. Eine Idee ist stark, bevor sie auch abgenutzt wird: Die junge Ballerina entwickelt eine Gänsehaut, aus der natürlich über kurz oder lang schwarze Schwanenfedern sprießen. Eingebildet oder echt? Im Endeffekt eher erheiternd, zumal Aronofsky sein kleines Konzeptfilmchen größenwahnsinnig aufbauscht, als hätte er eine erschütternde Erkenntnis mitzuteilen: Alles ist so prätentiös, dass dabei eine spezielle Form debiler Grandezza entsteht. Mehr Applaus hätte sich da Andrew Lau, der Regisseur des inoffiziellen zweiten Eröffnungsfilms verdient, eines Tributs an Martial-Arts-Ikone Bruce Lee und dessen Fist of Fury: Das Hongkong-Historienabenteuer Legend of the Fist: The Return of Zhen Chen zerfasert zwar in alle Richtungen, aber in der ersten Viertelstunde wird Star Donnie Chen in einem schwerelosen Kampfkunst-Parcours durch die Schützengräben des Ersten Weltkriegs choreografiert, der auch dem Zuseher die Kinnlade hinuntersausen lässt. Da ahnt man, was ein Ballett-Thriller wirklich sein könnte.

 

VENEDIG: DIE US-PRÄSENZ IST AM LIDO STÄRKER DENN JE

Filmfestspiele: Allein sechs Filme im Wettbewerb kommen aus den USA. Neben „Black Swan“ laufen die neuen Filme der jungen Regisseurinnen Sofia Coppola („Somewhere“) und Kelly Reichardt (der Western „Meek's Cutoff“), ein Drama von Künstler Julian Schnabel („Miral“) und Außenseiterfilme vom kontroversen Schauspieler Vincent Gallo („Promises Written in Water“) sowie Regielegende Monte Hellman („Road to Nowhere“). Außer Konkurrenz gibt es u.a. Neues von Robert Rodriguez („Machete“) und Regiearbeiten der beiden schauspielernden Affleck-Brüder: Ben zeigt den Thriller „The Town“, Casey mit „I'm Still Here“ eine Dokumentation über die Hip-Hop-Ambitionen seines Kollegen Joaquin Phoenix, wegen der die Gerüchteküche brodelt. Die Juryleitung hat US-Starregisseur Quentin Tarantino. Österreich ist heuer mit sechs Produktionen und Koproduktionen stark in den Nebenwettbewerben vertreten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2010)

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