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Wort der Woche

Die Maske und der Müll

Die Unmengen an Mund-Nasen-Schutzmasken bringen ein Umweltproblem mit sich: Sie sind eine bisher übersehene Quelle für Mikroplastik – ebenso wie Zigarettenstummel.

Mit so hohen Steigerungsraten konnte wohl niemals zuvor ein Produkt aufwarten: Laut der UN-Handelsorganisation UNCTAD hat sich der Markt für Mund-Nasen-Schutzmasken von 2019 auf 2020 mehr als verhundertfacht. In China, dem weltweit wichtigsten Lieferanten, wurde die Produktion binnen weniger Monate verzehnfacht, weltweit sind unzählige weitere Firmen in die Herstellung eingestiegen. Verschiedenen Schätzungen zufolge wurden im Vorjahr zwischen 52 und 166 Milliarden der aus Kunststoffen, v. a. aus Polypropylen, gefertigten Masken verkauft. Laut der Umweltorganisation OceanAsia werden rund drei Prozent davon achtlos weggeworfen und landen in der Umwelt, im Endeffekt großteils als Mikroplastik in den Ozeanen – 2020 waren das an die 6000 Tonnen.

Man sieht dies auch mit dem freien Auge: Während derzeit kaum weggeworfene Plastiksackerl, -flaschen oder -becher auf Straßen und in Parks herumliegen, ist das Fundstück Nummer eins die Mund-Nasen-Schutzmaske. Dicht gefolgt von Zigarettenstummeln. Diese sind ebenfalls eine große Quelle für Mikroplastik: Zigarettenfilter bestehen aus Zelluloseacetat, einem biologisch schwer abbaubaren Polymer. Über Jahre hinweg lösen sich aus weggeworfenen Zigarettenstummeln Mikrofasern, die vom Regen weggespült werden – laut einer spanischen Forschergruppe um Francisco Belzagui (BarcelonaTech) sind dies mehr als 15.000 Fasern pro Stummel (Science of the Total Environment 762, 144165). Überdies werden die vielen aus dem Rauch herausgefilterten Giftstoffe – von Nikotin über krebserregende Verbrennungsprodukte bis hin zu Schwermetallen – in die Umgebung verteilt.

Es wird viel geforscht, was man mit gesammelten Tschickstummeln alles machen könnte: Das Material könnte etwa für Schallschutzwände, Energiespeicher oder als Beimischung zu Asphalt genutzt werden, die Gifte aus dem Tabakrauch als Insektizide oder als Korrosionsschutzmittel für Metalle.

Für gebrauchte Mund-Nasen-Schutzmasken gibt es indes kaum solche Überlegungen. Recycling ist wegen des mehrschichtigen Aufbaus, des geringen Materialwerts und der hygienischen Bedenken de facto nicht machbar. Eine Umstellung auf biologisch abbaubare Rohstoffe ist technisch schwierig. Und ein kompletter Umstieg auf Mehrwegmasken aus Baumwolle ist laut dem Schweizer Forschungsinstitut Empa (www.empa.ch) ökologisch nur bedingt sinnvoll – denn Baumwolle benötigt auf den Feldern sehr viel Wasser und „Chemie“. ⫻

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

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