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Am Herd

Alles ist möglich

Ich freue mich, obwohl ich weiß, dass ich mich nicht freuen sollte, nicht so früh, nicht so unbändig, es kann noch so viel passieren. Aber wissen Sie was? Mir ist das jetzt egal.

Als Kind hatte ich ein Poesiealbum. Einer der Einträge stammte von meinem Volksschullehrer, einem strengen Mann, der mit Mitte 20 schon vom Leben enttäuscht war – und von uns Schülern erst recht. Ich weiß noch, wie er mir das Album zurückgab am Ende einer Stunde, ich wartete, bis er aus dem Klassenzimmer war und schlug es auf: „Erwarte viel von dir selbst und wenig von anderen, so bleibt dir mancher Ärger erspart“, stand da.

Typisch, sage ich heute. Als Kind fand ich den Spruch einfach nur blöd. Soviel verstand ich immerhin, dass mich da jemand warnte, vor den anderen, vor dem Leben, und das, nein das konnte ich wirklich nicht brauchen mit acht Jahren und der Welt zu meinen Füßen.

Es gab noch einen anderen seltsamen Spruch im Poesiealbum: „Und ich habe mich so gefreut! sagst du vorwurfsvoll, wenn dir eine Hoffnung zerstört wurde. Du hast dich gefreut – ist das nichts?“. Eine Freundin meiner Mutter hat ihn hineingemalt, aber bei aller Sympathie: Hat sie nie erfahren, wie weh das tut, wenn der Luftballon platzt, die Playmobil-Burg nicht unterm Christbaum liegt, du nicht zum Faschingsfest darfst, weil du die Grippe hast? Wusste sie nicht, dass der Schmerz größer sein kann als die Freude, dass er sie mit sich mitreißt wie eine Lawine das Bäumchen?


Kalendersprüche. Und da stehe ich jetzt, zwischen diesen beiden Kalendersprüchen, von denen ich mich nicht warnen, von denen ich mich aber auch nicht trösten lassen will. Ich werde schrecklich enttäuscht sein, wenn meine Hoffnungen sich zerschlagen, mein Wunsch nach Ausgelassenheit und Nähe sich nicht erfüllt, aber ich tue es trotzdem: Ich freue mich, unbändig, unvernünftig und natürlich viel zu früh: Ich werde heuer mit meiner Freundin auf ihrem Balkon sitzen, die untergehende Sonne wird rosa Schlieren in den Himmel malen, wir werden erzählen und erzählen, all das, was man einander am Telefon nicht erzählen kann. Ich werde tanzen gehen und nicht aufhören, bis mir die vom Schweiß nassen Strähnen an der Stirn kleben. Und mit dem alten Freund werde ich um die Häuser ziehen wie damals, vor Corona. Ich will Feste und Reisen und Kino und Theater und endlich keine Zoom-Gespräche mehr. Und ich will wieder singen. Mit dem „Presse“-Chor. Neben meiner Kollegin aus dem Feuilleton stehen, die Noten vom Blatt lesen kann, und mich an ihrem Alt anhalten, während ich höre, wie der Sopran der anderen sich drüberschwingt.

Alles wird heller sein und intensiver, so intensiv, wie Schokolade schmeckt, wenn man wochenlang nichts Süßes gegessen hat, so intensiv wie Sex, nachdem man länger getrennt war.

Ich kann es kaum erwarten. ⫻

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2021)