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Muenchen, Herkulessaal 1971 Alfred Brendel *** Munich Hercules Hall 1971 Alfred Brendel Copyright: WernerxNeumeister
Jubiläum

Der Philosoph unter den Pianisten

Der große Klassik-Interpret Alfred Brendel, geboren in Mähren, aufgewachsen in Jugoslawien und Graz, beheimatet in England, feiert am Dienstag, seinen 90. Geburtstag.

Auch über das Komische hat er viel nachgedacht, über die Frage, warum Franz Schubert recht hatte mit seiner Andeutung, dass es „lustige Musik“ nicht geben kann, hie und da aber doch Passagen in bedeutenden Werken zumindest zum Schmunzeln reizen. Alfred Brendel hat solche Passagen stets behandelt wie ein guter Schauspieler eine Pointe: Er servierte sie quasi aus dem Hinterhalt, steuert etwa unverwandt auf bestimmte Momente in Haydnschen Klaviersonaten zu,um dann wie ein Clown jäh vor einem sich unvermittelt öffnenden Abgrund abzubremsen.

Dergleichen Hintergründigkeit ist nur mit entsprechender intellektueller Vorbereitung zu vermitteln. Alfred Brendel hat die nötigen geistigen Etüden ebenso hartnäckig geübt wie jene, die zur Erlangung der Fingerfertigkeit absolviert werden wollen. Er spielte, wie jeder bedeutende Musiker, mit technischer Perfektion und Herz, schaltete außerdem aber immer das Hirn dazu. Das sicherte ihm eine Ausnahmestellung.

Interpret und Analytiker

Er war der Poeta doctus unter den Klassik-Interpreten, einer, der auch über die formalen Eigenwilligkeiten einer Beethoven-Sonate genau Rechenschaft geben konnte, bevor er sie öffentlich spielte. Und einer, der seinem Publikum sogar schriftlich mitteilte, warum im Fall dieses Komponisten jede architektonische Kühnheit umgesetzt werden müsse, um ein solides Klangbauwerk zu errichten, während etwa bei Schubert auch einmal intuitiv strukturell wichtig scheinende Wiederholungen fortbleiben könnten, ohne den meisterlichen Plan zu gefährden.

So wurde der Musik-Schriftsteller Brendel ebenso berühmt wie der Pianist und beschäftigt die nachfolgende Interpreten-Generation mit seinen analytischen Bemerkungen mindestens so intensiv wie mit seinen Aufnahmen. Die stehen in den Regalen der Sammler seit Anbeginn, nicht zuletzt, weil Brendel in vielen Fällen enzyklopädisch zu Werke ging: Er nahm den „ganzen Beethoven“ auf und widmete sich dem Klavierwerk Franz Schuberts, abgesehen von den Jugend-Kompositionen, mit einer Hingabe wie wohl kein Pianist vor ihm.

Für die Schubert-Rezeption war vor Brendel lediglich Artur Schnabel von ähnlicher Bedeutung – auch weil er, wie Brendel, jeglicher Verzärtelung abhold war. Klarheit, Festigkeit herrschten bei Brendel auch im Fall Mozarts – und das schon lang vor Ausbruch des Originalklang-Fiebers. Fragen wie jene, ob bei frühen Stücken Haydns oder Mozarts der Cembaloklang mitgedacht werden müsse, hat Brendel für sich im stillen Kämmerlein beantwortet – und stets auf dem modernen Konzertflügel die richtigen Lösungen gefunden. Er war, das darf man bei der Betrachtung des Klassiker-Interpreten Brendel nie vergessen, ein Musiker, der sich bewusst in der Linie Liszt-Busoni gesehen hat. Den beiden Meistern hat er seinen Tribut gezollt, als deren Musik als vollkommen démodé galt.

So spielte er nicht nur Liszts große h-Moll-Sonate, sondern auch einige von dessen scheinbar versponnen-rätselhaften späten Klavierstücken. So fand er für die hie und da eigenwillig kargen Strukturen Mozartscher Klaviersonaten den ebenso schlichten wie unmittelbar einleuchtenden Tonfall.

Späte Karriere als Rezitator

Er konnte seine diesbezüglichen Entscheidungen immer auch wortgewandt erklären. Deshalb endete seine Karriere auch nicht, als er die letzten Töne auf dem Klavier zum Besten gegeben hatte, sondern ging in Form von Rezitationsabenden und Gesprächskonzerten noch weiter: Man hörte ihm auch noch mit Freude zu, wenn er über Musik erzählte oder seinem skurrilen, in seiner englischen Wahlheimat noch zugespitzten Humor freien Sprach-Lauf ließ. Es kann leicht sein, dass er seinen 90. Geburtstag selbst in Gedichtform zu würdigen weiß, hintergründig-verschmitzt, versteht sich.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2021)