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Ein Thema, das Offenheit braucht

Das Tabu rund um psychische Erkrankungen wankt. Allerdings nur dort, wo eine Störung nachvollziehbar ist. Es muss aber ganz fallen.

Vor einigen Jahren wäre es wahrscheinlich noch unvorstellbar gewesen, dass sich ein Buch über psychische Krankheiten wochenlang auf Platz eins einer renommierten Bestsellerliste hielt. Genau das aber hat der deutsche Psychiater Manfred Lütz mit „Irre – Wir behandeln die Falschen“ geschafft. Sicher, Lütz' Buch war gut. Der wahre Grund aber ist, dass heutzutage fast jeder jemand ist oder jemanden kennt, der unter einer psychischen Erkrankung oder einer Verhaltensstörung zu leiden hat oder auf die Herausforderungen des modernen Lebens mit seelischen Problemen reagiert. Wer glaubt, hier im Glashaus zu sitzen, der möge umdenken. Und zwar rasch.

Die letzten Tabus rund um psychische Erkrankungen müssen weg. Erste Schritte wurden bereits gesetzt. Noch nie wurde so offen und von so vielen – auch prominenten Persönlichkeiten – über Phänomene wie Burn-out, Depression oder Essstörungen geredet. Das reicht aber noch nicht. Wir müssen sie alle beiseiteräumen. Deshalb, weil Depression laut internationalen Prognosen zur großen westlichen Zivilisationskrankheit werden wird. Deshalb, weil „Lebenserkrankungen“ um sich greifen, mit denen Menschen auf den Druck und die Zwänge in Familie und Arbeit reagieren. Etwas anderes als einen offenen Umgang mit diesem schwierigen Thema kann sich die heutige Gesellschaft daher auch gar nicht mehr leisten.


doris.kraus@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2010)