SPÖ-Klubobmann Josef Cap mutiert in Alpbach zum Freund christlicher Werte und meinte: "Ich bin ein großer Freund des Leistungsprinzips." Dies wiederum freute den Finanzminister sehr.
Alpbach. Auch Josef Pröll hing, ehrlich verblüfft oder virtuos gespielt, an den Lippen seines Kontrahenten und Koalitionspartners: „Ich bin fasziniert, welche Worte aus dem Mund von Josef Cap kommen. Ich hoffe nur, er sagt das auch im Parlament in Wien.“ Soeben hatte der SPÖ-Klubobmann bei der „Elefantenrunde“ der Alpbacher Wirtschaftsgespräche einen Einblick in die verborgenen bürgerlichen Wurzeln seines Weltbildes gewährt.
Er erklärte seine Leidenschaft für den Fußballklub Arsenal mit kaufmännischer Bewunderung: „Die sind mit Liverpool und Manchester voll konkurrenzfähig und haben trotzdem keine Schulden, weil sie ihre Mittel effizient einsetzen. Ich bin ein großer Freund des Leistungsprinzips.“ Damit nicht genug: Inspiriert von Vorredner Norbert Walter, dem deutschen Paradeökonomen und frommen Katholiken, plädierte Cap für einen „Wettbewerb unter Wahrung christlicher Werte“. Seine ungarische Großmutter hatte ihn oft seufzend gefragt: „Josef, bist du immer noch ein Roter?“ Diese Frage stellte sich, ob besorgt oder erfreut, am Donnerstag so mancher.
Da wurde es für die rote Galionsfigur Zeit, sich vor der Umarmung von Industriellen-General Markus Beyrer zu schützen. Dessen Frohlocken („Wenn Sie das so sehen, habe ich keine Angst mehr vor neuen Steuern“) konterte er mit knappem Knurren: „Was hat Spekulation mit Leistung zu tun?“ Darum ging es nämlich auch, neben der Cap'schen Neupositionierung (die wir gerne breiter wiedergeben, weil er die „Presse“ öffentlich als seine „Lieblingszeitung“ lobte): ob das Treiben auf den Finanzmärkten nun gut oder böse, segensreich oder zerstörerisch ist.
Pröll rühmte die seit den 1980er-Jahren immer liquideren Kapitalmärkte, die „einen ungeheuren Schub für die Weltwirtschaft gebracht haben“ – erst in den letzten Jahren traten „Fehler auf“.
Kinder als „brutaler Vorteil“
Walter plädierte deshalb für Regulierung, warnte aber vor Verboten: „Wir brauchen auch auf dem Finanzmarkt Innovationen. Und wer Risiko nicht zulässt, stranguliert die Innovation.“ Selbst dem stimmte Cap, mit einem Blick in die Geschichte, partiell zu: „Der Suezkanal war auch eine riskante Investition. Ja, wir brauchen Risiko, aber ein vernünftiges, kein faules.“ Hier hakte ÖGB-Präsident Erich Foglar ein, der Finanzinnovationen „für die Realwirtschaft“ reservieren will, statt eines Systems „organisierter Verantwortungslosigkeit“ mit „bonusgetriebenen Schöpfern von Produkten, die nur noch sie selbst verstanden haben“.
Für mehr Ethik im Wirtschaftsgeschehen plädierte auch Walter. Nicht die Marktwirtschaft habe versagt, sondern ihre Akteure. Da helfe nur moralische Erziehung, von Kindesbeinen an, und dazu brauche es „Treue in der Partnerschaft“. Und natürlich Kinder: Dass sie in Deutschland, Österreich oder China fehlen, sei überhaupt das größte Problem für die Zukunft – und gebe den USA, Frankreich oder Schweden einen „brutalen Vorteil“. Der Trend zu weniger als zwei Sprösslingen erfüllt den eloquenten Volkswirt mit Abscheu: „Da hampeln zwei Eltern und vier schon halb verrückte Großeltern um einen verfetteten Jungen herum.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2010)