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Im Film sieht die Zukunft der USA düster aus

Streamingtipps. Chaos im Kapitol: Ein Zeichen, dass die US-Demokratie in Gefahr ist? Im Kino ziehen schon seit Langem dunkle Wolken auf. Fünf dystopische Visionen der Vereinigten Staaten, von düster bis lustig. VON ANDREY ARNOLD


The Hunger Games

Die Kurzzeitbesetzung des Kapitols am Mittwoch machte die ganze Welt fassungslos. Dabei handelte es sich nur um den jüngsten, symbolkräftigsten Ausdruck eines seit Jahren schwelenden Unbehagens. Das Vertrauen der Bevölkerung in das amerikanische Demokratieprojekt scheint auf allen Seiten des politischen Spektrums zu schwinden. Der Unmut bricht sich, teils von zynischen Demagogen und Meinungsmachern befeuert, immer deutlicher Bahn. Manche malen bereits den Untergang des Übersee-Imperiums an die Wand. Sie unterschätzen seine Resilienz. Doch dass etwas faul ist in den USA, lässt sich nicht von der Hand weisen. Sogar die Popkultur pfeift es von den Dächern.

Dystopische Visionen von Unterdrückung und Aufruhr, einst ein Hollywood-Randphänomen, sind längst der Stoff, aus dem auch Blockbuster sind. Etwa die „Hunger Games“-Reihe: „Kapitol“ heißt hier die abgeschottete Residenz der Patrizier einer ausbeuterischen Diktatur, die ihre brotlosen Plebejer mit dem Fernsehspektakel eines tödlichen Teenager-Wettkampfs bei Laune hält. Eine der Zwangsverpflichteten (Jennifer Lawrence im Star-Katapult) nutzt ihren überraschenden Triumph, um eine landesweite Rebellion in Gang zu setzen. Amazon


Blade Runner 2049

Bereits 1982 setzte Ridley Scotts Sci-Fi-Klassiker „Blade Runner“ Maßstäbe in Sachen Dystopieästhetik, indem er ein Los Angeles im fernen Zukunftsjahr 2019 imaginierte, das wirkte wie ein ewig düsteres, in Smog, Nebel und Regen eingelassenes Neon-Tokio. 2017 (also eigentlich zwei Jahre zu früh) wagte der Kanadier Denis Villeneuve ein Fortsetzungs-Update. Das analoge Noir-Universum Scotts weicht hier einer digital entseelten Wüstenei, wo Replikanten als Sklaven gehalten werden und Ryan Gosling auf dem Höhepunkt seiner mimischen Ausdruckslosigkeit begreifen muss, dass er als Kunstmenschenjäger auf der falschen Seite steht. Erinnerung erweist sich als das höchste Gut, um das es sich zu kämpfen lohnt. Netflix, Amazon


The Purge

Filmreihe (2013–2018), eine Serie

Eine simple Idee: Einmal im Jahr sind alle Verbrechen erlaubt. Ein staatlich sanktioniertes Ventil für aufgestauten Gesellschaftsfrust. Soweit das Grundkonzept des Films „The Purge“, der sich 2013 zum Großerfolg mauserte – und seither drei Fortsetzungen sowie eine Serie inspiriert hat. Das Erstaunliche daran: Trotz finsteren Menschenbilds und ausgeprägten Faibles fürs Makabre handelt es sich bei den „Purge“-Filmen im Kern um Horror-Sozialkritik alter Schule. Das Säuberungsfestival wurde von einer totalitären Patriotenpartei installiert. Die Reichen wähnen sich in Sicherheit, die Armen werden zu Freiwild erklärt. Vor allem aber porträtiert der Zyklus die Wut, die Amerika in den Schläfen pocht. großteils auf Amazon


Idiocracy

Von Mike Judge, 2006

Ein bisserl sehr dubios ist die Grundthese von „Idiocracy“ schon: Weil der Mittelstand sich beim Kinderkriegen ziert, nimmt das verblödete Erbgut der Unterschicht überhand und verwandelt die USA in eine „Eidgenossenschaft der Idioten“ (John Kennedy Toole). Das Land besteht nur noch aus Einkaufszentren und Müllhalden, im Kino läuft der Oscar-Sieger „Arsch“ (Nomen est omen), der Präsident ist ein Wrestling-Star. Wasser wurde von Energydrinks abgelöst. In dieser Dumpfdimension erwacht Durchschnittstyp Joe (Luke Wilson) aus dem Langzeittiefschlaf – und ist plötzlich der klügste Mann der Welt. Im Gegenwartskontext mutet die letztlich optimistische Kommerzkultursatire nahezu niedlich an. diverse Anbieter (ab 3,99€)


Downsizing

Die meisten Dystopien denken die Zukunft totalitär oder anarchisch, in Ketten gelegt oder im Chaos versunken. Dabei ist eine nicht weniger wahrscheinliche Variante das verantwortungsbefreite Weiterwursteln unter zunehmend prekären Bedingungen. Alexander Payne, einer der intelligentesten Satiriker des US-Kinos, skizziert eine ebensolche Entwicklung in seiner unterschätzten Genremischung „Downsizing“.

Ein Durchbruch in der Schrumpftechnologie, der die Überbevölkerung kompensieren soll, wird in den USA als Abkürzung ins Luxusparadies vermarktet: Mach dich klein und lebe endlich in ganz großem Stil! Der Physiotherapeut Paul (Matt Damon) beißt an, lässt sich auf Däumlingsgröße reduzieren und zieht in eine schmucke Mini-Villa. Doch seine Fantasien sind dieselben geblieben, die Ödnis des Alltags holt ihn schnell wieder ein. Erst seine Freundschaft mit einem Lebemann (Christoph Waltz) und die Bekanntschaft mit seiner vietnamesischen Putzfrau (Ngoc Lan Tran) führen dazu, dass die Idee eines Daseins jenseits des Hamsterrads in ihm keimt – und das Bewusstsein seiner Eingebundenheit in ein größeres soziales und ökologisches Ganzes erstarkt. Netflix

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2021)