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Belangloses mit Tiefgang

In elf Erzählungen beschreibt Lisa Moore nur scheinbar Alltägliches.
In elf Erzählungen beschreibt Lisa Moore nur scheinbar Alltägliches.Carl Hanser Verlag
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In elf Erzählungen beschreibt Lisa Moore nur scheinbar Alltägliches. Ein kraftvoller Sammelband über zwischenmenschliche Beziehungen.

Es sind nur auf den ersten Blick alltägliche Situationen, die Lisa Moore beschreibt: Zwei junge Frauen, die eine Mitfahrgelegenheit suchen. Eine zufällige Begegnung mit einer früheren Liebe in einem Einkaufszentrum. Ein Friseurbesuch. Eine getrennt lebende Frau, die aus Langeweile aus dem Fenster schaut. Lisa Moore schildert die inneren Monologe der Hauptfiguren, meistens Frauen, so leidenschaftlich und kraftvoll, dass man die Bedeutung der angeblich belanglosen Ereignisse schnell versteht.

Am deutlichsten wird es vielleicht in der namensgebenden, längsten Erzählung des Sammelbandes der Autorin aus Neufundland: Eleanor besucht mit ihrem Ehemann Philip und Tochter Gabrielle eine Hochzeit. Sie kann aber nicht an die fremde Trauung denken, sondern nur an ihre eigene Beziehung: Soll sie sich, was ihre offene Ehe erlauben würde, auf einen anderen Mann konzentrieren? Weiß Philip, dass es trotz ihrer Vereinbarung Fremdgehen und Vertrauensbrüche gibt, die sie nicht verzeihen kann? Und falls ja, liegt ihm überhaupt etwas daran?

Es sind grundlegende Fragen, die sich die Protagonisten in den Erzählungen stellen. Mal sympathisiert man mit ihnen, mal möchte man sie aufrütteln. Aber man fühlt immer mit, kann ihre Gedanken nachvollziehen. Auch die Sprache passt Lisa Moore an ihre Figuren an, lässt Sätze abrupt enden. Auf nur wenigen Seiten schafft sie immer neue Lebensrealitäten, in die man eintauchen kann. ib


Lisa Moore: „Fremde Hochzeit“, üb. von Kathrin Razum, Carl Hanser Verlag, 266 Seiten, 23,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2021)