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Am Herd

Distance Learning ist sch****

Die Schulen öffnen? Die Schulen geschlossen halten? Der Kampf wird erbittert geführt.
Die Schulen öffnen? Die Schulen geschlossen halten? Der Kampf wird erbittert geführt.Imago Images
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Die Schulen öffnen? Die Schulen geschlossen halten? Der Kampf wird erbittert geführt, als gäbe es ein „Richtig“ und ein „Falsch“, als wäre nicht beides schrecklich.

Distance Learning ist scheiße.

Ich schreibe das so ruppig hin, weil es stimmt, und weil ich gar nicht erst so tun will, als stünde ich diesem Thema emotionslos gegenüber. Ich sehe ja, wie Marlene sich quält. Wie sie um 23.55 Uhr noch vor dem Bildschirm hockt, weil sie ihre Arbeitsaufträge um 23.59 abgeben muss, wie sie sich einsam über ihre Bücher beugt und darob schier verzweifeln will. Ich weiß, wie sehr ihr die Freunde abgehen, ihre Klassenkameraden, aber auch der Kontakt zu den Lehrern, der Schmäh zwischendurch, der die Kinder wieder munter macht, ein aufmerksamer Blick, ein freundliches Gespräch, eine Frage: „Ist alles klar?“

Und dabei rede ich „nur“ von Marlene. Die 17 ist und mit allen digitalen Wassern gewaschen, die ein eigenes Zimmer hat und einen vernünftigen Arbeitsplatz mit eigenem Computer und stabiles WLAN. Ich rede noch gar nicht von all jenen, die dem Online-Unterricht mit dem Handy folgen, umtost von jüngeren Geschwistern, und die kein Elternhaus haben, das ausgleichen kann, was die Schule an ihnen versäumt.

Deshalb sollten die Schule offen halten.


Infektiös

Weshalb sie geschlossen bleiben sollten: Weil Kinder sich in der Klasse anstecken können, und nicht nur das: Sie geben das Virus auch weiter, an Omas und Opas, Mütter und Väter, an Lehrerinnen und Lehrer. Dass sie eh nicht infektiös sind, war immer nur Wunschdenken, schon im April war diese Frage zumindest strittig, die Indizien, dass Schulen eben doch Treiber der Pandemie sind, haben sich seither verdichtet. Und dann droht sich auch noch das mutierte Virus auszubreiten! Mir jedenfalls ist wohler, wenn Marlene zu Hause lernt: Hier ist sie sicher. Und wir mit ihr.


Luftfilteranlagen

Ich verstehe nicht, warum über dieses Thema so erbittert und voller Wut gestritten wird, als ob es hier ein einfaches „Richtig“ gäbe und ein einfaches „Falsch“, als ob nicht beides schrecklich wäre und wir trotzdem bis auf Weiteres – eine Impfung für Kinder unter 16 ist noch nicht zugelassen – mit beidem leben lernen müssen, mit geschlossenen Schulen und mit offenen. Weshalb wir die Energie lieber darauf verwenden sollten, den Unterricht vor Ort sicherer zu machen und das Distance Learning erträglicher – und wenn wir uns schon streiten müssen, dann hauen wir uns doch die neuesten Studien über Luftfilteranlagen um die Ohren, debattieren wir über die neuesten Entwicklungen auf dem Bereich der Lernplattformen – und reden wir über ein Schulsystem, das ein Jahr nach Beginn der Pandemie noch immer vor allem mit der Frage beschäftigt zu sein scheint, wie man die Kinder am besten benotet.

Wir sind ohnehin viel zu spät dran.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

www.diepresse.com/amherd  

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2021)