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Italien: Man spricht Zahrisch

Italien spricht Zahrisch
(c) Helmut Luther
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In Sauris, Friauls höchstem bewohnten Dorf, haben sich alte Bräuche und ein süddeutscher Dialekt erhalten. Auf der Suche nach dem Authentischen wird der Ort nun entdeckt.

Im Laden neben Danilo Plozzers Tischlerwerkstatt hängen grell bemalte Holzmasken. Sobald er die Besucher bemerkt hat, stellt Plozzer die Hobelmaschine ab, klopft sich eilig den Staub von den Ärmeln und öffnet die Tür zum Nebenraum. Dann pflanzt sich der Mittdreißiger breitbeinig vor den handgeschnitzten Larven auf. In einem seltsamen altdeutschen Singsang erklärt Plozzer, dass die Larven bei den hiesigen Fastnachtumzügen eine wichtige Rolle spielen: die guten und bösen Mächte. Hinter den grotesken Holzmasken versteckt, ziehen die Narren dann mit dem sogenannten „Kheirar“ durchs Dorf. Mit einem Reisigbesen kehrt dieser den Winter aus, er vertreibt die Dämonen.

In Sauris, auf 1390 Metern das höchstgelegene Dorf im Friaul, gehen die Uhren anders. In diesem Schlupfwinkel hoch in den Karnischen Alpen, lebten die Menschen jahrhundertelang vollkommen isoliert. Bis in die 1930er-Jahre gab es als Verbindungswege nur Fußpfade und schlechte Karrenwege. Im Winter blieb man wegen Lawinen oft über Monate von der Außenwelt abgeschnitten – falls jemand auf den einsamen Gehöften starb, lag die Leiche tiefgekühlt bis zum Frühjahr auf dem Dachboden.

Heute führt von Forni di Sotto im Tal, wo der Tagliamento fließt, eine sehr schmale Teerstraße hinauf. Durch Schlaglöcher und vorbei an schroffen Felsen geht es in immer schwindelerregendere Höhen empor. Hinter dem Passo Pura folgt ein Tunnel, so eng, dass zwei Kleinwagen unmöglich aneinander vorbeikämen. Keine Ampel schaltet auf Gegenverkehr, was angesichts des spärlichen Autoaufkommens auch gar nicht notwendig wäre. Dafür bleibt es stockdunkel. Aus Felsspalten ergießen sich Sturzbäche. Mit Aufblendlicht und Stufe zwei des Scheibenwischers tastet man sich vorsichtig voran.

 

Sprachinsel mit Eigenheiten

Dann plötzlich ein smaragdgrüner See, den Horizont bedecken zackige Bergreihen – wie übereinander gelegte Sägeblätter. Unter den Graten dehnen sich Nadelwälder aus. Dazwischen bucklige Wiesen, auf denen sich eng aneinander geschmiegt verwitterte Holzhäuser ducken. Am Dorfeingang ein Schild: „benvenuti a Sauris – Zahre, der teuna griessn.“

Sauris ist mehrsprachig: Bei Auswärtigen verwendet man das Italienische, untereinander reden die Einheimischen Friulan oder Zahrisch, einen süddeutschen Dialekt, der sich seit dem Mittelalter nur geringfügig verändert hat. Wie Sappada/Pladen oder Timau hinter dem Plöckenpass, bildet Sauris eine germanophone Sprachinsel in den Karnischen Alpen. Der mauerumgürtete Friedhof ist winzig, nutzbarer Boden war im Gebirge immer knapp. Die Namen auf den Grabsteinen wiederholen sich. Schneider, Plozzer, Petris: Man heiratete hier untereinander, pflegte seine Eigenart, zu den Leuten im Tal unterhielt man nur allernotwendigsten Kontakt.

Woher sie kommen, die Zahrischen, wie sie sich selbst nennen, ist ungewiss. Ein Brand des Pfarrarchivs im 18. Jahrhundert hat fast alle Dokumente zerstört. Eine Legende berichtet von zwei deutschen Soldaten, die in grauer Vorzeit dem Krieg in ihrer Heimat entflohen und eine Bleibe in der Wildnis der Karnischen Alpen fanden. Sprachwissenschaftler vermuten, dass die Bewohner von Sauris im 13. Jahrhundert aus Osttirol eingewandert sind. Damals wollten die Grafen von Görz die gebirgigen Grenzen Karniens absichern. Der Holzreichtum und die schlummernden Schätze im Berginneren versprachen Profite. Knappen und Waldarbeiter waren die ersten Siedler, auf dem gerodeten Ackerland wurde Buchweizen, Roggen und Gerste angebaut. Das Vieh trieb man im Sommer auf die Almen hinauf, im Winter wärmte es mit seinen Körperausdünstungen die Menschen, die in den Blockhäusern über den steingemauerten Ställen wohnten.

Bis ins 20. Jahrhundert hat sich an dieser entbehrungsreichen Lebensweise wenig verändert. Heute schützen strenge Bauvorschriften die beiden historischen Ortskerne Sauris di Sotto und Sauris di Sopra. Die sonnengeschwärzten Holzfassaden mit Geranien im Fenster lassen an ein Tiroler Bergdorf denken, von dort brachten die Bewohner neben den Faschingsbräuchen auch die Technik mit, Fleisch durch Räuchern haltbar zu machen. Der größte Unternehmer in Sauris ist folglich ein Speckhersteller, 60 von 400 Dörflern finden bei ihm Arbeit und Lohn.

Seit einiger Zeit gewinnt der Fremdenverkehr an Bedeutung. Zwar gibt es in Sauris keine „Kanonis oder Karusellos wie im benachbarten Austria“, sagt Franca Schneider, die den Gästen in ihrem Restaurant im Unterdorf geräucherten Molkekäse und den berühmten Schinken „von dahaame“, aus der heimischen Produktion, auftischt. Aber dafür wird der Ort hinter den Bergen von immer mehr Menschen besucht, die das Echte, Unverfälschte suchen.

Die Verantwortlichen setzen auf das Konzept des „albergo diffuso“, was verstreutes Hotel bedeutet und bisher vor allem von Italienern geschätzt wird: Anstatt riesige Beherbergungsbetriebe in die idyllische Landschaft zu setzen, nutzt man die gewachsene Bausubstanz, indem man in Bauernhäuser oder leer stehende Heustadel Hotelzimmer einbaut.

 

Verstreute Hotelidee

Auf die gewohnten Annehmlichkeiten müssen die Gäste trotzdem nicht verzichten – die Betten werden regelmäßig von unsichtbaren Händen aufgeschüttelt, wer will, bekommt das Frühstück aufs Zimmer serviert. Zentrale Schaltstelle des verstreuten Hotels ist die Rezeption. Zum Essen und Trinken besuchen die Gäste Bars und Restaurants, die sich über die gesamte Ortschaft verteilen. Man wohnt mitten unter den Einheimischen: Das ist für Fremde der Vorteil dieses Tourismusmodells, das in Sauris nach langer Planung vor einigen Jahren realisiert wurde. Der Nachbar, der seit Tagen unermüdlich Holz hackt, oder Massimo Petris, der nebenan in einer ehemaligen Scheune das beliebte „Zahre Beer“ braut, gehört bald zu den alten Bekannten. Die Hiesigen freuen sich über das verstreute Hotel, weil möglichst viele vom dagelassenen Geld profitieren.

Tagsüber herrscht in Sauris geschäftiges Treiben. Sportliche Gäste klappern mit ihren Teleskopstöcken über die natursteingepflasterten Dorfgassen. Einige pirschen mit Weidenkörben unter dem Arm durch die dichten Wälder, es soll hier jede Menge Pilze geben. Ein Bauer fährt mit seinem Minitraktor eine Fuhre Mist auf die Wiese. Aus Danilo Plozzers Werkstatt dringt gedämpfter Maschinenlärm, während vor der in eine Duftwolke gehüllten Bierbrauerei ein Gabelstapler rangiert. Nachts dominieren Naturlaute. Durch das Zimmerfenster vernimmt man das Geplätscher des Dorfbrunnens. Zwischendurch ertönt das Schnauben eines Pferdes, ansonsten herrscht Stille. Jene wohltuende Ruhe, die das Rascheln von Laub laut erscheinen lässt, selbst wenn sich die Baumkrone nur sanft wiegt.

 

Speckfrist bis Allerheiligen

Vom oberen Dorfrand schlängelt sich ein markierter Steig zum Festons-Pass, und von dort weiter auf den knapp 2000 Meter hohen Gipfel Mörganlaite. Kurz vor Tagesanbruch gab es ein Gewitter, nun scheint der feuchte Wiesenboden wie ein Lebewesen zu atmen. Wenn die Sonne durch die Nebelschleier dringt, funkeln die Tropfen in den sich langsam verfärbenden Lärchen wie Perlen. In einem steilen Hang weit über den letzten Häusern gießt ein Trupp Gemeindearbeiter Fundamente für mächtige Stahlgitter, die Sauris vor Lawinen schützen sollen. Ein älterer Mann im Drillich deutet auf wie Angelruten gebogene Bäumchen: Dort, wo Schneemassen schon immer ins Tal donnerten, könne kein richtiger Wald aufkommen.

Am Festons-Pass liegt die Baumgrenze. Dahinter erstreckt sich ein grasbewachsenes Hochplateau mit einzelnen, in der Weite kaum erkennbaren Almhütten. Hier, wo die Böden nie mit Kunstdünger in Berührung kamen, gedeiht eine artenreiche Flora. In Bodenvertiefungen sammeln sich Rinnsale zu Tümpeln, in denen sich das Wollgras im Wasser spiegelt.

Erst hinter den Laghetti di Festons, bei der gleichnamigen Alm, begegnen wir jemandem. Sergio aus Cividale ist der Erste, den wir seit dem Aufbruch in Sauris di Sopra treffen. Er lebt bereits den vierten Sommer ganz allein auf der Alm. Ein magerer Hirtenhund hilft ihm, eine 50-köpfige Pferdeherde zusammenzuhalten, einige Ziegen sowie ein Schwein, das noch bis Allerheiligen Speck ansetzen darf, gehören zur Wirtschaft des fröhlichen Rentners.

Wo Sergio sein Sommerdomizil hat, gibt es weder Strom noch Handyempfang. Seine Vorräte verkocht der mit Runzeln übersäte Alte über dem Herdfeuer, Leute vom Dorf oder auswärtige Wanderer kämen nur selten vorbei. Trotzdem, sagt Sergio, fühle er sich auf der Malga Festons keineswegs einsam. „Im Gegenteil. Mir wird immer schwer ums Herz, wenn ich wieder hinunter ins Tal muss.“ Bald wird es so weit sein. Schon tragen die Spitzen der Karnischen Alpen weiße Schneehauben. Bevor das Wetter endgültig umschlägt, muss hier alles gepackt und abtransportiert sein. Nur noch ein paar Tage, dann werden die Alm Festons und die stille Hochebene rund herum bis zum nächsten Frühling verlassen sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2010)