Schnellauswahl

Russland: Kein Weizenexport für ein ganzes Jahr

(c) Clemens Fabry

Der russische Premierminister Wladimir Putin verlängert den Exportstopp für Weizen bis mindestens September 2011. Durch die Ernteausfälle nach der langen Dürre werden auch Obst, Gemüse und Beeren immer knapper.

Moskau. Die dürrebedingten Ernteausfälle in Russland und Moskaus Reaktionen darauf führen zu immer größerer Nervosität auf den Märkten. Vor allem bei Weizen dreht sich die Preisschraube in Rekordhöhen. Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) schlug deshalb schon am Mittwoch Alarm.

Doch es kam noch dicker: Der russische Premierminister Wladimir Putin verlängerte nämlich das Exportverbot für Weizen bis mindestens September 2011: „Erst wenn die Ernte des nächsten Jahres eingefahren ist und Klarheit über die Getreidemenge herrscht, können wir die Aufhebung des Exportverbotes neu prüfen“, sagte er. Der Dezember-Kontrakt für US-Weizen stieg noch am Donnerstag um 1,7 Prozent und zog am Freitag weiter an.

„Zwei Jahre in Folge ohne russischen Export, das ist ein Grund, um ernsthaft unruhig zu werden“, sagte Abdolreza Abbasian, ein offizieller Vertreter der FAO. In den vergangenen Jahren hatte sich Russland zum viertgrößten Weizenexporteur der Welt aufgeschwungen. So wurden im Vorjahr 18 Mio. Tonnen exportiert, bei einer gesamten Getreideernte von 97 Mio. Tonnen. Die heurige Dürrekatastrophe wird laut aktuellen Prognosen nur 60 bis 65 Mio. Tonnen zulassen. Um den Eigenbedarf von etwa 78 Mio. Tonnen zu decken, muss auf eiserne Reserven zurückgegriffen werden.

 

Händler halten Ware zurück

Schon Mitte August beschloss Putin daher ein Ausfuhrverbot – mit einigen Ausnahmen wie humanitärer Hilfe. Nach ursprünglichem Plan sollte dies nur bis zum Jahresende dauern. Durch den kurzen Zeitraum hätte es keine Wirkung gehabt, rechtfertigt der stellvertretende Wirtschaftsminister Alexej Lichatschow das Verbot. Denn die darüber erzürnten Exporteure hätten ihre Verkaufsstrategie nicht geändert und einfach das Getreide bis zum Ablauf der Frist zurückgehalten. Im Inland halten Händler auch so das Getreide zurück, weil sie auf prognostizierte Preissteigerungen in Russland warten, erzählt ein Marktteilnehmer. Am meisten würden die Bauern verlieren.

Dazu komme die Schwierigkeit, den Weizentransport von der Exportroute weg umzulenken und neue Logistikrouten aufzubauen: von den südrussischen Gebieten, die von der Trockenheit nicht betroffen waren, in den ausgetrockneten zentralrussischen Schwarzerdegürtel. Die Eisenbahnen wurden von Präsident Dmitrij Medwedjew bereits beauftragt, die Transportkosten zu halbieren.

Und die Inflation? Alexej Uljukajev, der Vizechef der Zentralbank, spricht bereits von einem „Preisschock“, der drei bis sechs Monate andauern werde. Genaue Prozentsätze wollte er noch nicht nennen. Nach Meinung von Experten wird die Teuerung in diesem Jahr 8,5 Prozent betragen.

Rekordhalter im August war Buchweizen, der sich binnen eines Monates um ein Drittel verteuerte. Der Preis für Weizenmehl legte um elf Prozent zu. Die Dürrekatastrophe trifft indes nicht nur den Getreidesektor. Auch die weitgehend erst einsetzende Gemüse- und Obsternte wird dieses Jahr einbrechen.

 

Ein Drittel weniger Erdäpfel

Ersten Prognosen zufolge dürfte die Kartoffelernte um knapp ein Drittel geringer ausfallen als im Vorjahr, sodass weitaus mehr als bisher im Ausland – vor allem in Ägypten – zugekauft werden muss. Auch bei Kern- und Steinobst sowie bei Beeren, deren Gesamtumsatz in Russland mit zehn Milliarden Dollar angegeben wird und die nur zu einem Viertel aus eigener Produktion kommen, sei ein empfindlicher Rückgang zu erwarten, erklärt Alexandr Buglak, Vizepräsident der Vereinigung für Obst- und Beerenproduzenten, der „Presse“: „In Südrussland wird die Ernte um 20 bis 30 Prozent, in Zentralrussland um mindestens die Hälfte geringer ausfallen.“

Auf einen Blick

In Russland wird das Weizenexportverbot bis mindestens September 2011 verlängert. Ein Stopp nur bis Jahresende „hätte keinen Effekt“. An den Börsen steigt der Weizenpreis weiter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2010)