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Coronavirus

Zwischenauswertung: Astrazeneca-Impfstoff zu 70 Prozent wirksam

Die 100 Jahre alte Ellen Prosser erhält den Oxford/Astrazeneca-Impfstoff in einem Altersheim in Sidcup im südosten von London.
Die 100 Jahre alte Ellen Prosser erhält den Oxford/Astrazeneca-Impfstoff in einem Altersheim in Sidcup im südosten von London.REUTERS
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Der von Oxford/AstraZeneca entwickelte Vektor-Impfstoff ist offenbar weniger wirksam als die bereits in der EU zugelassenen mRNA-Vakzine. Doch das geänderte Studienprotokoll erschwert eine Einschätzung. Möglicherweise steigt der Impfschutz bei verabreichter zweiter Dosis auf 90 Prozent.

Ende Jänner könnte der Covid-19-Impfstoff der Universität Oxford in Kooperation mit dem Pharmakonzern Astrazeneca in der EU zugelassen werden. Die Phase II/III-Studie ist als Zwischenauswertung nun auch in der Printausgabe des Magazins „Lancet“ erschienen (9. Jänner). Wesentlich: Die Schutzrate könnte mit höchstens 70 Prozent deutlich geringer als jene der mRNA-Impfstoffe (Pfizer-Biontech, Moderna jeweils mehr als 90 Prozent) sein.

Für die EU und Österreich soll der ChAdOx1 nCoV-19-Impfstoff von Astrazeneca mit 400 Millionen vorbestellten Dosen das Rückgrat für die Durchimpfung der breiten Bevölkerung darstellen. Denn die Verteilung der Vakzine ist auch bei normaler Kühlschranktemperatur von 2 bis 8 Grad Celsius möglich und somit logisitsch einfacher zu bewältigen. In Großbritannien hat der Impfstoff bereits die Marktzulassung erhalten.

Ausreichend Schutz

Dass der im Vergleich relativ geringer Schutz-Effekt für eine Registrierung durch Arzneimittelbehörden ausreichen sollte, darauf verweisen die Studienautoren unter Merryn Voysey (Universität Oxford) und die Co-Autoren explizit: "Die Leitlinien der US-Food and Drug Administration (US-Arzneimittelbehörde FDA; Anm.) geben an, dass sie eine Vakzine gegen das Pandemie-Virus zulassen würde, die eine 50-prozentige Schutzrate aufweist."

Für die Zwischenauswertung der ChAdOx1 nCoV-19-Vakzine wurden die Daten von erst 11.636 Probanden (Großbritannien, Brasilien) analysiert (insgesamt aufgenommen worden waren 23.848 Probanden). In der Wirksamkeitsstudie von Pfizer-Biontech (mRNA-Impfstoff/BNT162b) waren die Daten von 43.548 Probanden untersucht worden, in jener von Moderna (mRNA-Impfstoff/mRNA-1273) die Daten von 30.420 Probanden. Beide Impstoffe sind in der EU schon zugelassen, beide sind mRNA-Impfstoffe. Und bei den Studien der beiden bekamen die Kontrollgruppen ein Placebo, bei Astrazenecas ChAdOx1 nCoV-19 hingegen eine vor Meningitis schützende Vakzine.

Die komplizierte Datenlage

Der Vektor des Impfstoffs der Oxford Vakzine-Studiengruppe ist ein Adenovirus, das normalerweise Schimpansen infiziert. Durch die Entfernung von Genabschnitten verlor das Virus seine Fähigkeit, sich im Körper zu vermehren. Es ist allerdings noch in der Lage, Zellen zu infizieren und dort Gene abzulegen, aus denen dann Virusproteine hergestellt werden. In diesem Fall ist es das Gen (DNA) für das S-Protein (Spike-Protein) von Sars-CoV-2, gegen das eine Immunantwort in Gang kommen soll. Im Gegensatz dazu bestehen die mRNA-Impfstoffe (Pfizer-Biontech, Moderna) aus in Lipid-Nanopartikeln verpackte RNA-Bauanleitungen für die Produktion des S-Proteins in Zellen.

In allen drei Studien wurden zwei Impfstoffdosen verabreicht: bei den mRNA-Impfstoffen im Abstand von 21 oder 28 Tagen, bei der ChAdOx1 nCoV-19-Vakzine allerdings in unterschiedlichen Abständen. Das Protokoll für die Studie mit dem britischen Impfstoff von Astrazeneca wurde mehrmals während der Untersuchung geändert. Nur in zwei der drei Studiengruppen waren zu einem geringen Prozentsatz (höchstens etwa 20 Prozent Personen) über 55 Jahre vertreten. Männer waren - mit 32,9 bis höchstens 42,9 Prozent in einer Studie/Brasilien - deutliche geringer repräsentiert als in den Pfizer-Biontech/Moderna-Studien (ca. 50 Prozent). Die Angabe eines mittleren Alters der Probanden insgesamt findet man in der Publikation insgesamt nicht aufgelistet. Unterschieden wurde auch nicht nach eventuellen Risikogruppen (chronische Erkrankungen) wie bei Moderna.

Das Dosis-Paradoxon

Erschwerend bei der Einschätzung der Wirksamkeit des Astrazeneca-Impfstoffs ist auch der Umstand, dass ein Teil der britischen Probanden (anfänglich und produktionsbedingt) bei der ersten Teilimpfung nur eine halbe Dosis der Vakzine erhalten hatte. Das führte zu einem paradoxen Ergebnis mit einer höheren Schutzrate nach einer Low-Dose- und einer Standard-Dose-Impfung.

"Bei Teilnehmern, die zwei Standard-Dosen erhalten hatten, lag die Wirksamkeit des Impfstoffes bei 62,1 Prozent. Bei Teilnehmern, die eine niedrige Dosis, gefolgt von einer Standard-Dosis, bekommen hatten, betrug die Schutzrate 90 Prozent", schreiben die Studienautoren. Erst "kombiniert" kommt man auf eine Schutzrate mit dem Impfstoff von 70,4 Prozent (Moderna-Vakzine: 94,1 Prozent; Biontech: 95 Prozent).

Nebenwirkungen

Laut dem zusätzlich im "Lancet" von zwei Expertinnen der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health (Baltimore) zu der Studie veröffentlichten Kommentar wurden bei insgesamt rund 24.000 Probanden (11.636 in der publizierten Auswertung über die Wirksamkeit) 175 schwere Nebenwirkungen (84 in der Gruppe mit der Covid-19-Vakzine, 91 in der etwa gleich großen Kontrollgruppe mit der Meningitis-Impfung) registriert, drei davon möglicherweise im Zusammenhang mit dem Covid-19-Impfstoff: ein Fall einer Transversen Myelitis, ein Fall einer hämolytischen Anämie und einmal Fieber über 40 Grad. Ein weiterer Fall der Myelitis dürfte wahrscheinlich mit einer Multiple Sklerose-Erkrankung im Zusammenhang gestanden sein, eine zusätzliche Myelitis-Erkrankung trat in der Placebo-Gruppe auf.

Die Kommentatorinnen: "Es könnte wahrscheinlich sein, dass 2021 Covid-19-Impfstoffe für alle Staaten der Welt erhältlich werden - zumindest für die priorisierten Bevölkerungsgruppen. Vielleicht können wir in einem Jahr feiern, dass Sars-CoV-2 unter Kontrolle gebracht worden ist." Das hänge aber zunächst auch von Produktion und Verteilungsgerechtigkeit der Impfstoffe ab.

(APA)