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Tiedemann: "Ein Spiel von Bernhard & Peymann!"

(c) Michaela Bruckberger
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Regisseur Philip Tiedemann betrachtet Bernhards "Heldenplatz" im Theater in der Josefstadt als wütenden Protestbrief. Es geht nicht nur um Politik, sondern auch um Alter, Vergeblichkeit. Man darf aber auch lachen.

„Die Presse“: Was werden die Josefstädter zu „Heldenplatz“ sagen?

Philip Tiedemann: Da bin ich selbst neugierig. Ich bin Theatermacher, kein Prophet.

Werden sich die Besucher überhaupt noch betroffen fühlen nach 22 Jahren?

Tiedemann: Meiner Meinung nach sollte man sich im Theater immer betroffen fühlen. Wenn das nicht passiert, stimmt etwas nicht. Nach 22 Jahren kann man das Stück auch betrachten wie einen wütenden Protestbrief, den man vor langer Zeit den Eltern geschrieben hat. Da steht man dann drüber.

Ein berühmter Universitätsprofessor, Emigrant, heimgekehrt aus England nach Wien, springt aus dem Fenster. Ein Grund für den Selbstmord ist das nach Thomas Bernhards Meinung von Nationalsozialismus, Sozialismus und Katholizismus verseuchte Klima in Österreich über 30 Jahre nach dem Krieg. „Heldenplatz“ löste 1988 im Burgtheater einen beispiellosen Skandal aus, in der Folge wurde es ein enormer Publikumserfolg. Was gibt es außer den vordergründigen politischen Motiven – Österreich-Kritik – zu entdecken?

Tiedemann: Die Geschichte handelt vom Alleingelassensein, vom Verlust jeglicher Utopie. Die Menschen sind lauter Waisenkinder. Thomas Bernhard wurde nicht umsonst – bewundernd oder spöttisch, je nachdem – als Alpen-Beckett bezeichnet. „Heldenplatz“ ist eine weitergeführte Form von „Warten auf Godot“. Wir sehen Menschen, die wie in einem verbalisierten Hamsterrad glauben, sich unaufhörlich motorisch bewegen zu müssen, sie kommen aber keinen Schritt voran. Dieses postmoderne Lebensgefühl oder – positiv formuliert – diese ständig greifbare Sehnsucht nach Sinn, Zukunft, Glück, Erfüllung, das ist eine der ganz prägenden Komponenten dieses Werks. Wie bei Beckett sind die Figuren tyrannisch und bemitleidenswert zugleich. „Heldenplatz“ ist außerdem sehr musikalisch. Es ist eine Fuge oder ein Rondo, die Reden kehren immer wieder zum Ausgangspunkt zurück.

In „Heldenplatz“ geht es um schreckliche Dinge. Ich habe das Buch, das ich damals deprimierend fand, jetzt wieder gelesen – und musste oft herzlich lachen. Wie gibt's das?

Tiedemann: Das ist wie bei Ernst Jandl, er hat ja dieses Heldenplatz-Gedicht geschrieben. Natürlich muss man den entsprechenden Humor haben. Ich habe „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke inszeniert. Um die Uraufführung in der Regie von Claus Peymann 1966 im Frankfurter Theater am Turm gab es auch einen Riesenskandal. Das kriegt jetzt eine extrem humorvolle Note. Jeder gute Humor ist existenziell. Man lacht vielleicht nicht lauthals über „Heldenplatz“, aber man schmunzelt darüber, weil man weiß, es ist so schrecklich wahr.

„Heldenplatz“ gilt nicht als Bernhards stärkstes Werk. Es ist eine Wiederholung der Geschichte des Philosophen Ludwig Wittgenstein, die auch in „Ritter Dene Voss“ anklingt bzw. in dem Buch „Wittgensteins Neffe“. Der „Heldenplatz“-Skandal, hieß es damals, 1988, sei gemacht. Ein Meisterstück des damaligen Burgtheaterdirektors Peymann und seines Haus- und Hofdichters Bernhard. Das hat viele besonders geärgert. Was würden Sie sagen: War der Wirbel Absicht?

Tiedemann: Man kann den „Heldenplatz“-Skandal als eine frühe Form der Eventkultur betrachten. Am Theater geht es auch sehr stark um das, was man gesagt bekommt über eine Aufführung: ob sie anstößig, grauslich, aufregend, sehr gut oder sehr schlecht sei. Dann müssen alle Leute reingehen. Selbst wenn sie drin schlafen, rufen sie am Ende: „Bravo!“ Da ist immer viel Manipulation dabei. Peymann und Bernhard waren große Manipulatoren, aber es gab sie ebenso aus der anderen Ecke. Auch die „Krone“ und andere Zeitungen, Medien fühlten sich aufgerufen, Stellung zu beziehen. Das ist so ein Erwachsenenspiel, das da stattfindet.

Ist das wichtig für das Theater?

Tiedemann: Man muss so was können und man muss Lust dazu haben, dann kann so etwas zu einer heftigen Neigung führen. Kaum jemand hat dieses Spiel so gut beherrscht wie Peymann und Bernhard. Allerdings muss man dazu sagen: Österreich in seiner relativen Kleinheit mit dem Wasserkopf Wien ist natürlich auch bestens für solche Streiche geeignet. In Deutschland würde das nicht so ohne Weiteres gehen. „Heldenplatz“ wurde in Deutschland kaum gespielt. Es wäre auch nicht wirkungsvoll gewesen, wenn man dort, polemisch gesagt, mit der Österreich-Kritik offene Türen eingerannt hätte. Das Aufregende und Lustvolle an „Heldenplatz“ ist, dass die, die auf der Bühne sind und schimpfen, gleichermaßen jene sind, die zuschauen.

Was halten Sie als Deutscher von den Österreichern?

Tiedemann: Ich würde sagen: ein munteres Völkchen. Am meisten bin ich positiv davon beeindruckt, welche ungeheure Anzahl von kreativen und gesunden verrückten Köpfen dieser kleine Alpenstaat hervorbringt, allein, wenn ich an das Theater und die Schriftsteller denke. Als Masse im Sinne Thomas Bernhards, na ja. Ich sage Ihnen ein Beispiel: Wir haben heuer vier Wochen im Juni „Heldenplatz“ vorprobiert, während der Weltmeisterschaft in Südafrika. Jetzt sitzt man natürlich als Fußballbegeisterter wie ich nicht gern allein in seiner öden Theaterwohnung, sondern man geht zu Freunden oder in die Kneipe. Österreich durfte ja bekanntlich nicht teilnehmen an der WM. Also, das war kaum erträglich, was ich da zu hören bekam, dieser Dauerkommentar, wenn die Deutschen gespielt haben (imitiert kabarettistisch den Tonfall):„Naa, des gibt's ja net, was die Deitschen da wieder machen, das ist ja Not gegen Elend, was die spielen.“ Ich habe dann vorsichtig darauf hingewiesen, dass Österreich nicht einmal teilnimmt. Dann kam die Antwort: „Na, da wollen wir auch gar nicht teilnehmen.“

Haben Sie keine Sorge, dass die Leute sagen könnten, die Uraufführung von „Heldenplatz“ war besser als jene in der Josefstadt?

Tiedemann: Ich habe etliche Stücke gemacht, die Peymann auch gemacht hat. Ich habe sogar Peymann selbst als Kunstfigur in Bernhards Dramoletten („Claus Peymann kauft sich eine Hose...“) inszeniert. Das ist für mich auch eine lustvolle Reibung gewesen. Das ist so ein neurotischer, verrückter Mensch, dass man es interessant findet, wenn man da verglichen wird. Es wird Leute geben, die sagen, das war 1988 eine ganz große Aufführung, und was wir in der Josefstadt gebastelt haben, kann dem nicht das Wasser reichen. Das weiß man ja. Soll sein.

Zur Person

Philipp Tiedemann, 1969 in Gießen geboren, war von 1995 bis 1999 Regisseur und Weggefährte Claus Peymanns am Burgtheater. Als Peymann das Berliner Ensemble übernahm, wurde Tiedemann dort Oberspielleiter.In der Josefstadt brachte Tiedemann 2007 Vinterbergs „Das Fest“ heraus. Er hat oft österreichische Autoren inszeniert (Jandl, Turrini, Handke, Franzobel), aber auch Brecht und Aischylos.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2010)