Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl
Morgenglosse

Jugend ohne Hoffnung, Politik ohne Empathie

ITALY-HEALTH-VIRUS-SCHOOL
Szene aus Turin: In Italien demonstrierten Schüler bereits mehrfach dafür, wieder in die Schule gehen zu dürfen.APA/AFP/MIGUEL MEDINA
  • Drucken
  • Kommentieren

Die Politik betrachtet die Jugend entweder als verantwortungslose Partymeute, oder will sie zu antriebslosen Tachinierern infantilisieren: diese Gedankenlosigkeit wird sie bitter bereuen.

Na, was haben wir vor zwei Monaten gelacht, als die deutsche Bundesregierung im Rahmen ihrer Kampagne „Gemeinsam gegen Corona“ das Youtube-Filmchen „Besondere Helden“ vorstellte. Ein älterer Herr erinnert sich, von stimmungsvollem Geigenschmalz untermalt, jenes Winters des Jahres 2020, in dem er ein 22-jähriger Maschinenbaustudent war, und in dem die zweite Corona-Welle kam. Was tat er da? „Das, was von uns erwartet wurde. Das einzig Richtige. Wir taten - nichts. Absolut gar nichts. Waren faul wie die Waschbären. Tagelang blieben wir auf unserem Arsch zu Hause und kämpften gegen die Ausbreitung des Coronavirus.“ Nachsatz: „Wissen Sie, manchmal muss ich fast ein wenig schmunzeln, wenn ich an diese Zeit zurückdenke."

Echte 22-Jährige im Hier und Jetzt erleben diesen echten Corona-Winter vermutlich anders. In ganz Europa mehren sich die Berichte über wachsende Zahlen seelischer Erkrankungen, von Versagensängsten über klinische Depressionen bis hin zu einem Anstieg der Selbstmorde junger Menschen. 31 Prozent der Studenten in einer französischen Studie gaben an, seelisch zu leiden - und das war im sonnigen ersten Lockdown, nicht im wintertrüben zweiten. In einer Umfrage unter italienischen Schülern sagte jeder zweite, dass er ein ganzes Schuljahr durch die Schließungen verloren habe. Jeder vierte gab an, einen Freund oder eine Freundin zu haben, die sich komplett aus dem Schulwesen abgesondert hat. In Frankreich arbeitet jeder zweite Student (!), um sich seine Ausbildung leisten zu können. Doch seit fast einem Jahr kann man weder kellnern, noch babysitten, Nachhilfe geben, oder einer sonstigen Arbeit nachgehen. Der reguläre Arbeitsmarkt ist in der schwersten Rezession seit einem Jahrhundert für die Jüngsten bis auf Weiteres ohnehin verschlossen. Welche Zukunft sollen sie erhoffen dürfen?

Insofern mutet der eingangs erwähnte Film der deutschen Regierung sehr zynisch an. Was ist das für ein Menschenbild? Wie verbohrt muss man sein, um zu glauben, junge Menschen wollten nur faulenzen? In Italien demonstrierten Schüler bereits mehrfach dafür, dass sie wieder zur Schule gehen dürfen. Von der Politik darf sich Europas Jugend nach einem Jahr Pandemie und sozialer Isolation wenig erwarten. Die betrachtet sie entweder als verantwortungslose Partymeute, oder will sie zu antriebslosen Tachinierern infantilisieren. Wie man den Ehrgeiz, die Träume und Begabungen der jungen Menschen unter diesen existenziell schwierigen Umständen vielleicht doch zumindest zum Teil befördern kann: darüber scheint sich, den Ergebnissen nach, keine Regierung ernsthaft Gedanken zu machen. Das ist herzlos, und es ist fahrlässig: denn wer hört nicht bereits das händeringende Gejammer über die angebliche „Politikverdrossenheit“ der Jugend herantönen?