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Atomsemiotik

Warnungen für die Ewigkeit​?

(c) Marin Goleminov
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Wie kann Kommunikation über Tausende Generationen hinweg funktionieren? Diese Frage stellen sich Wissenschaftler im Kontext von Atommüll-Endlagerung seit den 1980er-Jahren. Denn die radioaktiven Stoffe werden auch in ferner Zukunft eine Gefahr für die Menschheit darstellen. ​Darüber gilt es zu informieren.

Von Konradin Schuchter

Auf den ersten Blick sieht es auf dem Foto danach aus, als stünde Martin Kunze vor einem großen Stapel an Umzugskartons. In Wirklichkeit handelt es sich um drei Zentimeter starke Keramikbehälter, die wohl noch eine ganze Weile an dem Ort, an dem sie gelagert sind, bleiben werden. In einer Salzmine im oberösterreichischen Hallstatt hat Kunze das "​Memory of​ ​Mankind​"​ ​– kurz MOM – eingerichtet: ein Archiv, in dem Zeitdokumente der Gegenwart für​ ​die Ewigkeit aufbewahrt werden sollen.

Informationen über Jahrtausende hinweg zu erhalten ist eine Herausforderung, mit der sich auch die Atomindustrie beschäftigt. Wenn einmal ein geeigneter Standort für ein Atommüll-Endlager gefunden ist, stellt sich noch die Frage, wie zukünftige Generationen ​über​ die Gefahr ​informiert​ werden können, die von den dort eingelagerten radioaktiven Substanzen ausgeht. Vor dem Hintergrund der zeitlichen Dimensionen, von denen hier die Rede ist, ist diese Aufgabe alles andere als trivial: Im Endlager ​Onkalo​ in Finnland soll der nukleare Müll für mindestens 100.000 Jahre lang sicher sein. Gleiches gilt für das geplante Endlager im schwedischen Forsmark, welches kurz vor seiner Baubewilligung steht. In Deutschland spricht die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) bei der Suche nach einem geeigneten Standort sogar von einer Million Jahren.

Zum Vergleich: Vor 300.000 Jahren lebten die ersten Menschen auf der Erde. Die ältesten überlieferten Schriftzeichen sind weniger als 10.000 Jahre alt, und mit deren Entzifferung sind Archäologen auch heute noch beschäftigt.

Datenträger ohne Halbwertszeit

Eine der ältesten Schriftsysteme ist die Keilschrift der Sumerer, welche auf gebrannten Tontafeln im Nahen Osten gefunden wurden. Für den Keramikkünstler Kunze ist diese so etwas wie sein "Proof of Concept", wie er sagt. Denn auch er setzt in seinem Archiv auf Ton als Trägermaterial. In einem eigens entwickelten Verfahren lässt er Keramikplatten mit Text und Bild bedrucken. Theoretisch halten diese weit über eine Million Jahre, sofern sie richtig gelagert werden. Dafür ist im Salzberg von Hallstatt gesorgt: Hier sind die Keramikplatten vor Erosion geschützt, und das Salz wirkt wie eine Art geologische Knautschzone, die dem Druck tektonischer Kräfte standhält. ​Selbst eine Eiszeit könnte die Lagerstätte überstehen.

Martin Kunze ist der Gründer des Memory of Mankind: Ein Archiv das Informationen aus unserer heutigen Zeit späteren Generationen zur Verfügung stellen will.
Martin Kunze ist der Gründer des Memory of Mankind: Ein Archiv das Informationen aus unserer heutigen Zeit späteren Generationen zur Verfügung stellen will.(c) MOM

Kunze, der sich seit seinem Studium an der Kunstuniversität Linz mit Keramik als Werkstoff für Datenträger auseinandersetzt, gilt mittlerweile als Experte in Fragen von Langzeitarchivierung. Deshalb ist er auch im September 2020 zum Vorsitzenden einer Arbeitsgruppe der Nuclear Energy Agency (NEA) der OECD ernannt worden, die sich mit Fragen der Bewahrung des Wissens um Atommüll-Endlager auseinandersetzt. Es verwundert daher nicht, dass in seiner Zeitkapsel auch Dokumente zu Atommüll-Endlagern aufbewahrt werden.

Endlagerung als Kommunikationsproblem

Die systematische Auseinandersetzung mit den kommunikativen Schwierigkeiten, welche die Atommüll-Endlagerung mit sich bringt, wird oft als Atomsemiotik bezeichnet: also die Lehre von Zeichen, die im Rahmen von mit Atomenergie verbundenen Problemen nutzbar gemacht werden kann. In einer ersten Initiative hat die US-Energiebehörde 1980 die ​Human Interference Task Force ins Leben gerufen, die sich, wie ihr Name schon sagt, damit auseinandersetzte, wie unbedarfte Nachkommen davon abgehalten werden könnten, in Atommüll-Endlager einzudringen. Neben Entwürfen für monumentale Bauten, die potenzielle Eindringlinge abschrecken sollen, machte sich die Expertengruppe vor allem auch Gedanken darüber, wie Zeichen beschaffen sein müssen, damit sie in Tausenden Jahren auch noch verstanden werden.

Weil Sprachen einem permanenten Wandel unterworfen sind, gehen Sprachwissenschaftler davon aus, dass alle gegenwärtig gesprochenen Sprachen nach höchstens 10.000 Jahren keinerlei Verwandtschaft mehr zu ihren heutigen Wurzeln aufweisen werden​: Schon jetzt ist das “nur” tausend Jahre alte Althochdeutsch für Laien kaum verständlich. Wissenschaftler haben daher vorgeschlagen, anstelle von sprachlichen Ausdrücken Piktogramme von ekelerfüllten bzw. panischen Gesichtern auf Monolithen nahe den Endlagern abzubilden. Solche bildhaften Symbole haben allerdings den Nachteil, dass sich mit diesen komplexere Inhalte kaum darstellen lassen: Die Beschaffenheit radioaktiver Substanzen oder die Beschreibung der unsichtbaren Bedrohung, die von diesen ausgeht, ist nur schwer mit piktografischen Zeichen abzubilden.

Atomblumen, Strahlenkatzen und atomare Priesterschaft

Mit diesen Schwierigkeiten konfrontiert, rief die deutsche Gesellschaft für Semiotik dazu auf, alternative Konzepte zur Langzeitkommunikation zu erarbeiten. Einige der kuriosesten Vorschläge finden sich in dem 1990 erschienenen Sammelband "Warnungen an die ferne Zukunft​" des Linguisten Roland Posner. Hier ist etwa von genmanipulierten Katzen zu lesen, deren Fell sich verfärben soll, wenn sie radioaktiver Strahlung ausgesetzt werden. Oder von Blumen, die nur rund um Atommüll-Endlager gedeihen und in deren DNA Informationen über die nuklearen Lagerstätten gespeichert sind.

Ein weiterer Beitrag schlug eine Art künstlichen Mond vor, der die Erde umkreisen und per Funksignal seine Botschaften aussenden solle. Auch eine “atomare Priesterschaft”, die das Wissen um das nukleare Erbe mithilfe von Legenden und Ritualen am Leben erhalten soll, war unter den Vorschlägen. Selbst wenn keiner dieser Lösungsvorschläge umgesetzt wurde und diese größtenteils absurd anmuten, zeigen sie doch, was für fundamentale Kommunikationsprobleme die Atommüll-Endlagerung mit sich bringt.

Dass es nicht die eine einfache Lösung auf das Problem der Atomsemiotik geben wird, geht auch aus dem ​Abschlussbericht​ einer Arbeitsgruppe der NEA der OECD aus dem Jahr 2019 hervor. Die Experten empfehlen, dem Problem systemisch zu begegnen und dabei dem Prinzip der Redundanz treu zu bleiben – soll heißen: Es gilt, auf möglichst vielen unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig anzusetzen. Zudem werden 35 Ansätze beschrieben, die sie für sinnvoll halten und von denen möglichst viele gleichzeitig umgesetzt werden sollten. Dabei ist die Rede von Monumenten, die rund um die Endlager errichtet werden sollen, von Museen, die das kulturelle Andenken am Leben erhalten sollen, von den passenden juristischen Rahmenbedingungen, aber auch von Zeitkapseln wie jener von Kunze, in denen Informationen zu den Atommüll-Endlagern eingelagert werden können.

Für das “Memory of Mankind” lässt Martin Kunze mit einem eigens entwickelten Verfahren Keramikplatten bedrucken. Geschützt in den Tiefen eines Salzbergwerks bei Hallstatt (OÖ) halten diese weit über eine Million Jahre.
Für das “Memory of Mankind” lässt Martin Kunze mit einem eigens entwickelten Verfahren Keramikplatten bedrucken. Geschützt in den Tiefen eines Salzbergwerks bei Hallstatt (OÖ) halten diese weit über eine Million Jahre.(c) MOM

Das atomare Erbe der Zukunft

Der Archäologe Cornelius Holtorf von der schwedischen Linné-Universität ist der Meinung, dass es unmöglich ist, vernünftig vorauszusagen, welche Bedeutung unser atomares Erbe für zukünftige Generationen haben wird. Holtorf verfolgt die Debatte rund um die Atommüll-Endlagerung schon seit einiger Zeit und ist auch in unterschiedlichen Expertengremien zu dem Thema vertreten. Er betont, dass die Bedeutung nicht im radioaktiven Material selbst liege, sondern, dass sich diese immer erst durch den interpretativen Rahmen des Rezipienten konstituiere. 

Wie schnell sich der interpretative Rahmen und damit auch Bedeutungen wandeln können, zeige die allgemeine Debatte um Atomenergie sehr deutlich, sagt Holtorf. So sei etwa die Anti-Atomkraft-Bewegung in den 1970er- und 80er-Jahren praktisch untrennbar verknüpft gewesen mit der Umweltbewegung und der Gründung grüner Parteien in verschiedenen Ländern. Mittlerweile wird Atomkraft jedoch nicht mehr im Kontext von Hiroshima oder Tschernobyl, sondern im Zusammenhang mit globaler Erwärmung und als Alternative zu Kohlekraftwerken diskutiert. So wurde aus dem Problem auf einmal ein Teil der Lösung. Inzwischen sprechen sich sogar grüne Parteien, zum Beispiel in Finnland, dezidiert für den Einsatz von Atomkraft aus. "Das wäre vor einigen Jahrzehnten noch völlig undenkbar gewesen", meint Holtorf.

Der deutsche Archäologe Cornelius Holtorf hält den UNESCO-Lehrstuhl “Heritage Futures” an der Linné-Universität in Schweden. In seiner Forschung geht er der Frage nach, welche Rolle ​historisches Erbe spielt.
Der deutsche Archäologe Cornelius Holtorf hält den UNESCO-Lehrstuhl “Heritage Futures” an der Linné-Universität in Schweden. In seiner Forschung geht er der Frage nach, welche Rolle ​historisches Erbe spielt.(c) Johannes Rydström

Was die Atommüll-Endlager betrifft, kann es gut sein, dass das, was sich in den Endlagern befindet, in ferner Zukunft gar nicht mehr in erster Linie als unerwünschter Müll angesehen wird, sondern vielmehr als wertvolle Ressource, die es zu bergen gilt. Schon jetzt zeichnet sich in der Debatte ​rund um die Atommüll-Endlager in Schweden und Finnland ab, dass vor allem die Unmengen an Kupfer, die zur Sicherung der abgebrannten Kernbrennstoffe benötigt werden, für zukünftige Generationen von großem Wert sein könnten. Diese Einsicht spiegelt sich auch in der Diskussion um die Kennzeichnung der Endlager wider. In den ersten Entwürfen für das US-amerikanische Endlager ​Waste​ ​Isolation Pilot Plant aus den 1980er-Jahren wurde noch auf stark normativ konnotierte Botschaften gesetzt, die zukünftige​ E​indringlinge um jeden Preis fernhalten sollten. Heute ist es Konsens, möglichst wertneutral zu informieren und den Adressaten der Zukunft die Bewertung der Umstände selbst zu überlassen.

Kunzes Arbeitsgruppe bei der NEA empfiehlt daher die Verwendung von Zeichen, die in einem naturwissenschaftlichen Sinn universale Gültigkeit haben. So wird etwa die Ordnung der chemischen Elemente im Periodensystem unabhängig von Ort und Zeit immer die gleiche bleiben. Denn die Anordnung der Elemente ist keine willkürliche, sondern eine im Verhältnis zu ihrer chemischen Beschaffenheit naturgegebene. Mit der Darstellung eines Periodensystems und der Markierung der entsprechenden Elemente wäre damit der wichtigste Inhalt bereits mitgeteilt, meint Kunze. Rezipienten einer technisch-industrialisierten Gesellschaft wären imstande, diese zu entschlüsseln, während weniger fortgeschrittene Gesellschaften ohnehin nicht in die Tiefen vordringen könnten, in denen sich die Atommüll-Endlager befinden werden.

Holtorf plädiert dafür, dass man sich vor allem über die kurz- und mittelfristige Zukunft Gedanken machen sollte, über die sich noch vernünftige Prognosen aufstellen lassen. Dennoch hält er Projekte wie das "Memory of Mankind" oder auch die wunderbar kuriosen Vorschläge aus den 1980er- und 90er-Jahren für alles andere als sinnlos. "Die Bedeutung dieser Diskussion liegt viel weniger darin, uns vor dem Super-GAU im Boden zu bewahren, sondern vielmehr darin, die Frage nach der Zukunft ganz allgemein zu stellen", sagt Holtorf. Sich auf diese Weise mit der Zukunft auseinanderzusetzen schaffe Interesse für Nachhaltigkeit, könne Leute mobilisieren und sorge damit für gesellschaftliches Engagement.

Kunze sieht das ähnlich. Am Ende eines ​TEDx-Talks​, den er 2017 in Linz gehalten hat, stellte er die Frage: „Wenn wir wüssten, dass unsere Taten für immer gespeichert wären, würden wir dann aufhören so zu leben, als gäbe es kein Morgen? Würden wir dann damit anfangen, mehr Verantwortung dafür zu übernehmen, wie wir unseren Planeten behandeln?“ Kunze meint: Ja.