Eric Owen Moss wurde 1943 in Los Angeles geboren. Dem Großraum ist der Architekt und Designer bis heute stark verbunden. Er setzt als Österreichs erster ausländischer Biennale- Kommissär "Austria under Construction".
Sie kennen Österreichs Architekturlandschaft sehr gut. Sie haben hier einmal gelehrt, an Wettbewerben teilgenommen und wiederum etliche Österreicher nach Los Angeles an Ihr Architekturinstitut eingeladen. Bei so viel Innensicht – wie ist denn die Außensicht auf Österreich?
Eric Owen Moss: Es ist interessant, dass ein vergleichsweise kleines Land so eine signifikante Rolle in der Diskussion um Architektur in der Welt spielt. Das Land hat eine starke Anziehung auf internationale Architekten. Viele werden eingeladen, in Österreich zu arbeiten, zu lehren oder auszustellen. Und Österreich bietet interessante Voraussetzungen für Architekten, die ins Ausland gehen. Das gilt in beider Hinsicht auch für die Lehre. Mein Zugang zu dem Biennale-Projekt war, Österreich als einen Ort der offenen Diskussion darzustellen, einen Ort mit inspirierenden Ideen für Menschen aus der ganzen Welt.
Nun hat Österreich nicht immer ein so souveränes Selbstbild. Zugleich klebt an uns dieses ewig nostalgische Image. Sind wir da zu streng zu uns?
Dieses historische Österreich ist fraglos ganz bedeutend. Aber da existiert eben auch dieses progressive Österreich, schon wenn man die letzten hundert Jahre betrachtet, an Leute wie etwa Canetti, Wittgenstein, Neutra denkt. Das reicht bis in die Gegenwart. Das MAK zum Beispiel hat eine Filiale in Los Angeles. In Österreich existiert ein sehr großer intellektueller Content. Wenn man das Land betrachtet, sollte man sich bewusst machen, dass es nicht immer nur „chocolate cake“ ist.
Was reizt Sie an der Aufgabe als Österreichs Biennale-Kommissär?
Es ist schon unüblich einen ausländischen Kommissär einzusetzen. So eine Biennale hat ja durchaus etwas Chauvinistisches an sich: Jeder Pavillon will im Wettbewerb mit den anderen Ländern zeigen, dass sein eigenes Land besonders progressiv, noch außergewöhnlicher ist. So quasi: Wir sind besser als ihr. Unser Zugang ist da ein ganz anderer meine ich, internationaler, viel mehr auf den Austausch von Ideen von Österreich mit anderen angelegt.
Wie sieht dieser so durchlässige Zugang konkret aus?
Die Idee ist eigentlich ganz einfach, ganz klar. Auf dem Gerüst außen vor dem Hoffmann-Pavillon zeigen wir Bilder von Arbeiten von Architekten, die von Österreich ins Ausland gingen. Drinnen zeigen wir an einem Gerüst Arbeiten von internationalen Architekten, die nach Österreich kamen, um hier Projekte zu realisieren. Zudem zeigen wir drinnen Architekten, die in Österreich lehren, und draußen österreichische Architekten, die im Ausland lehren. Wichtig sind dabei die Sitze, auf denen allerdings keine Leute Platz nehmen, sondern das, was wir das „Publikum der Objekte“ nennen. Dabei handelt es sich zum Teil um ganz ungewöhnliche Objekte von lehrenden Architekten. Die übliche Biennale-Praxis ist doch, dass man Architekten mit einer gewissen Reputation einlädt, ein Projekt zu zeigen, das die Leute bereits kennen. Wir hingegen haben nicht gewusst, was diese Architekten hier für Objekte präsentieren werden. Es sind Entwürfe, die die Potenziale von Architektur in einer sehr optimistischen Weise zeigen. Die ganze Ausstellung ist ja eine optimistische Idee davon, was Architektur sein kann.
Stichwort Optimismus: Glauben Sie, dass Architektur die Welt denn wirklich besser machen kann?
Wenn ich das nicht glauben würde, könnte ich nicht mehr arbeiten. Dann wäre ich auch die falsche Person für so ein Projekt. Die Welt ändert sich ständig, nichts bleibt gleich. Und Architektur kann dazu aus meiner Sicht einen Beitrag leisten, vielleicht in zwei Richtungen: Zum einen, in dem man Architektur schafft, die ungewöhnlich ist, oder Stadtteile, die ungewöhnlich sind. Die andere Richtung ist ein wenig differenter: Wenn man Gebäude entwirft, die andere Sichtweisen schaffen, könnten diese einen auch auf die Idee bringen, die Welt anders zu sehen. Architektur kann eine sehr positive Kraft für Veränderung sein. Im besten Sinne bietet sie die Möglichkeit, die Welt ein bisschen anders aussehen zu lassen. Und das könnte bewirken, dass man darin auch anders lebt.
Wenn Sie über Architektur sprechen, verweisen Sie gerne auf andere Disziplinen, Literatur, Philosophie und Musik. Ist das eine der Architektur adäquatere Sprache?
Ich bin in erster Linie an Ideen interessiert und nicht daran, nur Wände, Böden oder Fenster zu erklären. Kafka, Nietzsche oder Ähnliches zu lesen, war hilfreich, um die Menschen zu verstehen – in ihrem Bezug zum Raum, zur Zeit, in ihrer Art, die Dinge zu sehen. Architektur breiter zu denken, das ist einfach wichtig. Denn Architektur vermittelt eine Vision von der Welt in einem Projekt. Man bringt darin ein, was man weiß, was man gesehen, was man gelesen hat. Die breiteste Sicht ergibt sich durch einen komplexen Hintergrund, und der umfasst eben auch das Lesen.
Wie fließt das in Ihre Arbeit ein? Sie haben ja nicht nur viel in Kalifornien gebaut, sondern sind weltweit zu großen Wettbewerben eingeladen. Vieles davon ist in einem 1500-seitigen Buch dokumentiert.
Mir haben konventionelle Rollen nie behagt. Ich hatte nie nur eine Idee, nur eine Strategie oder nur einen einzigen Fokus. Der Großteil meiner Arbeit verändert sich mit der Zeit. Ich bin mehr am Prozess, am Nachdenken über Gestaltung interessiert als notwendigerweise nur am Ergebnis. Dadurch entstehen manchmal ungewöhnliche Formen und Räume. Architektur sagt etwas aus über eine bestimmte Art und Weise über Raum nachzudenken und wie die Menschen diesen benützen, sehen und verstehen. Ehrlich gesagt verändern sich Ideen auch dauernd. Ich mag den Begriff „Brand“ nicht. Ich versuche niemandem eine spezielle Art von Image zu verkaufen, sondern höchstens unabhängiges Denken zu vermitteln. Das Ziel ist, mit der Arbeit unabhängiges Denken anzuregen.
Worüber sollten Architekten in der nächsten Zukunft nachdenken?
Architektur macht einen Riesenfehler, wenn sie nur versucht modisch zu sein – „Green Architecture“, „Sustainable Architecture“ und so. Architektur macht Städte, darüber muss man nachdenken, in einer größeren Dimension betrachten, denn es geht um multiple Gebäude, um Gruppen von Gebäuden, um Infrastruktur wie Wasserversorgung oder Verkehrswege. Menschen in Städten sind unmittelbar mit Architektur konfrontiert. Ich glaube nicht, dass es reicht, nur Fotovoltaik-Paneele aufzustellen und Bäume auf Dächer zu pflanzen. Den größeren Zusammenhang zu sehen, bringt einen in die Lage, auch an größeren Zielen zu arbeiten, als es ein einzelnes Gebäude könnte. Architektur sollte ein bisschen stolz auf sich sein, denn sie hat eine Menge zu geben. In ihr steckt viel Energie und Optimismus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2010)