Literatur: Das Lexikon der Liebesphasen

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Der amerikanische Autor David Levithan schildert in seinem "Wörterbuch der Liebenden" Szenen einer Beziehung. Lesenswert macht das Buch das feine Sensorium des Autors für die verschiedenen Phasen der Zweisamkeit

Auf dem Cover von David Levithans Buch prangt ein knallrotes Herz, es wirkt eilig hingesprayt, offenkundig hat der Sprayer die Dose zu nahe an die Wand gehalten: Da rinnen rote Farbspuren wie Blutrinnsale eine weiße Wand hinab. Ist es das, was Liebe ausmacht? Die Abbildung auf dem „Wörterbuch der Liebenden“ scheint auszudrücken, was man schon längst wusste: Lieben ist Leiden.

Wer denkt, diese gleichermaßen abgedroschene wie klare Ansage könne sich in Levithans „Wörterbuch der Liebenden“ wiederfinden, wird enttäuscht. Ein Lexikon, ein Nachschlagewerk, verheißt üblicherweise Begriffsklärung. Das ist bei diesem – außerdem noch als Roman betitelten – Werk des amerikanischen Autors nicht der Fall. Und vielleicht ist das gar nicht so schlecht.

Schließlich geht es Levithan (der sich von Fotografen nicht gern ablichten lässt, weswegen auch auf dieser Seite anstatt des üblichen Autorenbildes das genannte Cover-Herz abgebildet ist) um die emotionalen Zwischentöne. Anstatt Begriffe zu bündeln fächert der Autor auf. Lieben und Leiden sind da lediglich zwei weit entfernte Pole, zwischen denen verwirrende Beziehungslandschaften zum Vorschein kommen.


Von »ardent« bis »zenith«. Monatelang, so gibt der 1972 geborene Levithan zu Protokoll, habe er Begriffe gesammelt und Szenen einer Beziehung dazu verfasst. Das Verzeichnis der Levithan'schen Loveology klingt recht ungewöhnlich: Es reicht von „ardent“ (leidenschaftlich) über „deadlock“ (Stillstand) bis hin zu „yell“ (brüllen) und „zenith“ (das letzte Stichwort, versteht sich) und vielen weiteren Einträgen auf über 200Seiten – Schlaglichter einer Liebesbeziehung zwischen einem Ich und einem Du.

Die beiden Liebenden werden nicht näher beschrieben: Sie leben in New York, so viel erfährt der Leser. Ihre Namen, ihr genaues Alter, ihre Berufe – all diese Details bleiben ungesagt. In manchen der Szenen könnte es sich um ein Pärchen aus Mann und Frau handeln, in anderen wird deutlich, das Levithan offenbar ein schwules Paar beschreibt. Trotz der spärlichen Informationen über Herkunft und Lebenswelt besteht kein Zweifel, dass die Partner, wie der Autor auch, in New York leben und arbeiten, dass sie Stadtbewohner der urbanen Sorte sind, gebildet und interessiert (wie der Autor auch, ist man versucht zu denken).

Spannend wird es bei den Schwächen und kleinen Fehlern, die Levithan gekonnt zwischen den Partnern ausspielt: Der Ich-Erzähler ist alles andere als selbstbewusst und leicht gekränkt („Es gibt keinen Grund dafür, sich über mich lustig zu machen, nur weil ich zweimal täglich Zahnseide benutze.“); sein Partner trinkt gerne mal über den Durst, was sowohl in der Beziehung als auch am Arbeitsplatz zu Spannungen führt. Unter dem Eintrag „kerfuffle“, Wirbel oder Durcheinander, steht lapidar geschrieben: „Ab jetzt darfst du bei meinen Bürofeiern nur noch ein Glas Alkohol trinken. Ein einziges. Vorzugsweise Bier.“

Feines Sensorium. Wirklich lesenswert ist Levithans Buch aber vor allem wegen des feinen Sensoriums des Autors für die verschiedenen Phasen der Zweisamkeit: Am Beginn steht das Kennenlernen im Internet samt verschämtem Eingeständnis der Frischverliebten, dass sie die Partnersuche nicht zum ersten Mal online versucht haben. Die Scheu fällt bald ab, und die Phase des Begehrens beginnt, hitzig, toll, man liebt sich – ist das nun ein Klischee? – auf dem Fußboden: „Ich habe nie verstanden, warum manche Leute es auf dem Fußboden miteinander machen. Bis ich mit dir zusammen war und bemerkte: Man merkt gar nicht, dass man auf dem Fußboden liegt.“ Schließlich gerät ein Seitensprung zum Auslöser für die Beziehungskrise, und ob sich die Zweisamkeit retten lässt, bleibt offen.

Doch das Ende ist in dieser Liebesgeschichte ohnehin nicht das Entscheidende, genauso wenig wie ihr Beginn. Levithan geht es um das Dazwischen – um jene diffuse Emotionalität, die sich nach einiger Zeit breitmacht, um das vermeintliche Sicherheitsnetz der Beziehungsroutine im dunklen Jenseits von Lieben und Leiden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2010)

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