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Kreativräume: Gehen wir spielen!

(c) Michaela Bruckberger
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Um die Kreativität in Unternehmen zu fördern, setzen manche Firmen auf eigens eingerichtete Kreativräume. Aber wie sinnvoll ist das? Ob sich ein solcher Raum rechnet, ist schwer zu sagen.

Dieses Gefühl! Das nervöse Wippen mit den Beinen, die Finger machen tapp, tapp, tapp. Ein tiefer Seufzer; habe ich Hunger? Zeitungskügelchen auf dem Tisch. Draußen ein Vogel. Vielleicht ein Griff in die oberste Schreibtischlade mit dem Süßigkeitenvorrat. Die Kollegen, die neben einen husten– alles viel zu laut. Auch viel zu interessant. Tick, tick, tick. Der Chef, der kommt, der Chef, der geht. Nur einer, den wir hier suchen, der kommt nicht: der kreative Einfall.

So oder so ähnlich oder vielleicht auch ganz anders geht es oft Menschen in Kreativberufen. Sie leben von guten Ideen, besseren Gedanken und müssen manchmal Durststrecken überwinden, wenn der kreative Geistesblitz, partout nicht einschlagen will. Was also tun? Däumchen drehen? Wieder das Facebook-Profil kontrollieren? Oder vielleicht in einen eigenen Raum gehen, einen Raum, der nur fürs Kreativsein gemacht wurde? So ein Raum steht etwa am Europaplatz in Wien im Gebäude der Firma Kapsch TrafficCom, ein international agierender Anbieter von innovativen Verkehrstelematiklösungen. Neue Ideen sind ein wichtiger Bestandteil des Firmenerfolgs. „Wir wollen, dass die Mitarbeiter andere Denkmuster suchen. Dafür benötigen sie eine andere Atmosphäre“, sagt Martin Eder, der Leiter der Innovationsabteilung.

Aus diesem Grund hat Georg Kapsch, Geschäftsführer der Kapsch Group und Mitglied einer der reichsten Familien Österreichs, beim Bau des neuen Hauptgebäudes zusätzlich zu groß angelegten Meeting-Zonen und Kaffeetreffpunkten einen Kreativraum gestalten lassen. Dort stehen jetzt bunte Sessel, umgeben von Wänden, die mit Tafellack überzogen sind. Unter den Fenstern sind Schubläden eingebaut, darin befinden sich Buntstifte, Lego, Töpfe voll Plastilin. Für die Mitarbeiter bedeutet der Kreativraum, dass sie jederzeit von ihrem Arbeitsplatz aufstehen und sich zum Tüfteln in den Denkraum begeben können. Im Kreativraum soll dann möglichst nicht nach bekannten Verhaltensmustern gearbeitet werden. Ausspannen, nachdenken, austauschen. Da kann es schon sein, dass ein Mitarbeiter pantomimisch den Status seines Projekts erklären muss oder zur Entwicklung eines neues Projekts einen Batzen Plastilin oder eine Handvoll Legosteine in die Hand gedrückt bekommt: „Da, zeig mal her.“

Schwimmen mit dem Chef. „Wer kreativ sein will, der muss aus der Routine ausbrechen“, sagt dazu Anna Maria Köck, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Wissensmanagement der TU Graz. „Dabei kommt es gar nicht so auf den Ort an. Manche Menschen sind am Dachboden kreativ, manche im Auto, auch in der berühmten Toilette. Manche gehen laufen oder entspannen sich und schlafen ein“, erklärt Köck weiter. Manche Firmen greifen tief in die Taschen. Damit sich seine Mitarbeiter im Büro bestmöglich entfalten können, hat das Unternehmen Atronic, das weltweit Casinospielgeräte und Gaming-Konzepte entwickelt, dem neuen Bürogebäude in der Steiermark ein Feng-Shui-Konzept übergestülpt und im Anbau ein eigenes Casino im Glitzerstil von Las Vegas aufgestellt. „Das fördert die Vorstellungskraft beim Entwickeln der Spiele“, sagt Oskar Dohrau, technischer Direktor und Geschäftsführer vom Standort in der Steiermark. Und mehr. Das Atronic-Feng-Shui-Gebäude, das direkt am Schwarzlsee liegt, ist auch ein kleines Sportlerparadies. Die Mitarbeiter dürfen während des Arbeitstages das hauseigene Fitnessstudio zum Besprechen, Problem lösen oder Nachdenken benützten. Andere gehen Rad fahren, spazieren oder im See schwimmen. Das Mitarbeitergespräch wird bei Atronic zu einem Spaziergang, im wahrsten Sinne des Wortes. Dass sich die Mitarbeiter frei bewegen, ist von der Geschäftsführung erwünscht. Aber es sei kein Zwang dabei, versichert Dohrau. Heißt, wenn jemand lieber vor seinem Computer sitzt, ist das auch in Ordnung. Und nein, ein unsportlicher Mitarbeiter hätte noch nie für eine Besprechung laufen trainieren müssen. „Ein Problem zu lösen heißt sich vom Problem zu lösen“, sagt Anna Maria Köck dazu. Es sei immer sinnvoll aus Gewohntem auszubrechen und neue Sichtweisen zu entwickeln. Bewegung fördere die Kreativität genauso wie Humor oder der Austausch mit Kollegen. „Dabei sind Kreativitätstechniken wie Brainstorming bei den Kreativen oft gar nicht so beliebt“, sagt Köck. „Einerseits, weil sie Zeit kosten, andererseits weil sich niemand in ein Korsett zwingen lassen will.“ Eher würden Kreative auf Visualisierungstechniken zurückgreifen oder auf Bildsprache.


Vor einem Berg Lego. Ob sich ein eigener Kreativraum für die Firma rechnet, kann Martin Eder von Kapsch nicht sagen. Der Raum sei teuer, gleichzeitig könne man ihn nicht in Ideen aufwiegen: „Ich kann ja schlecht sagen, wir haben hier einen Kreativraum und wehe, ihr kommt ohne Ideen raus“, meint er dann doch etwas verwundert. Rentiert hat sich der Raum trotzdem. Erstens, weil die Liste der darin generierten Ideen, laut Eder, lang sei und zweitens, weil die Mitarbeiter ihn ständig nutzen. „Es ist halt ein Unterschied, ob ich jemanden vor einen Berg Lego setze oder in einem kleinen Büro auf vier Sessel platziere und sage: Los, erfinden wir was!“

Glaubt man den Prognosen der Wissensforscher, dann wird der Arbeitsplatz der Zukunft offener und flexibler und über mehrere Plätze verteilt sein. „Es sind die Freiräume, die den Mitarbeitern gewährt werden müssen“, sagt Köck „Wenn einer laufen gehen möchte, dann sollte er das auch tun dürfen.“ Trotzdem sei das Büro per se ein wichtiger Raum, um sich kreativ entfalten zu können. Und je mehr die Mitarbeiter in die Gestaltung einbezogen werden desto besser. Denn ohne gelebte Kreativkultur würden eben auch Kreativräume nicht ihren Zweck erfüllen können, sagt Köck. Dann wären sie nichts anderes als Räume, Büroräume in einer Firma.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2010)