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Gastkommentar

Das Impfen und die Emotionen der Alten

Jetzt lernt man auch, dass „alt“ in Zeiten der Pandemie etwas sehr Relatives ist. Gedanken eines „Impfwilligen“.

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Das Schauimpfen am 27. Dezember wurde veranstaltet, um eine misstrauische und von allerlei Scharlatanen verunsicherte Bevölkerung zu animieren, sich impfen zu lassen. Jetzt, drei Wochen später, ist das obsolet: Es geht längst nicht mehr darum, Impfgegner zu überzeugen, sondern um die Hunderttausenden alten Menschen, die sich gern impfen lassen würden, aber keine Gelegenheit dazu bekommen, weil es weder einen Plan noch genug Impfstoff gibt.


Als „Impfwilliger“ – das ist eines der vielen neuen Vokabeln, die uns die Coronazeit beigebracht hat, ein anderes ist Dashboard – muss man sich fast wünschen, Insasse eines Altersheims zu sein. „Morgen bekomme ich meine zweite Impfung“, rief mich vorgestern ein Schulkollege aus einer solchen Anstalt an. Das scheint ein Idealfall zu sein. In derselben Stadt musste nämlich ein anderes Altersheim die Impfung verschieben, weil ihm kein Impfstoff zugeteilt worden war.

Im „Standard“ haben Thaddäus Podgorski und Christoph Schönborn eine Kontroverse geführt, die zeigt, welche Emotionen im Spiel sind. „Warum sind Sie mit 75 schon geimpft worden und ich mit 85 weiß nicht, wie ich zu einer Impfung kommen soll?“ So lautete kurzgefasst die Frage des ehemaligen ORF-Generalintendanten an den Erzbischof. Dieser erklärte es damit, dass er in einer kirchlichen Geriatrieeinrichtung eingeschoben wurde, weil dort Impfstoff übrig geblieben war, der sonst weggeworfen hätte werden müssen.

Schönborns Impf-Outing

Das hätte genügt. Jeder versteht, dass auch ein Bischof kein Held sein muss und eine Gelegenheit benützt, sein Leben zu retten. Der Kardinal stellt sich aber als „Vorbild“ für die „Notwendigkeit des Impfens“ dar. Die Alten braucht man davon nicht zu überzeugen, bei denen herrscht laut Schönborn sogar „Impfneid“. Im Übrigen ist die Vorstellung, die durch Schönborns Impf-Outing ausgelöst wurde, man könne einfach im nächstbesten Altersheim anrufen und fragen, ob vielleicht noch ein Impfstoff übrig sei, völlig irreal.

Mit der Einigung zwischen Bund und Ländern, dass die Impfungen von den Ländern organisiert werden, ist auch das vom Gesundheitsminister verkündete „Grundprinzip der Impfstrategie“ sang- und klanglos untergegangen. Es sollte darin bestehen, „möglichst dort hinzugehen mit dem Impfangebot, wo die Bürgerinnen und Bürger zu Hause sind, in Betriebe und Wohngebiete“. Vernünftigerweise tut das die Stadt Wien nicht. Sie richtet große Impfzentren ein.

Eine einzige Verlegenheit

Jetzt lernt man auch, dass „alt“ in Zeiten der Pandemie etwas sehr Relatives ist. Ab 65 bekommt man von der Regierung ein Packerl FFP2-Masken zugeschickt. Bei mir sind sie zwar noch nicht angekommen, das führe ich aber darauf zurück, dass ich im Alphabet weit hinten bin. 75 ist überhaupt kein Alter, auf dem Radar der Impfplaner taucht man erst mit 80 auf. Wer dieses Alter erreicht hat, aber nicht in einem Heim lebt, ist für sie eine einzige Verlegenheit. Sie wissen einfach nicht, wo sie ihn einordnen sollen.

Gehört er schon wegen des Alters zur angeblich „klar definierten“ Hochrisikogruppe? Einmal heißt es, diese Gruppe komme frühestens im März dran, dann wieder, sie werde vorgezogen. Was also darf ein nicht Heim-organisiertes Ehepaar, das ganz normal zu Hause lebt, erwarten? Daran, dass der Hausarzt von sich aus anrufen werde, wie einmal gesagt wurde, hat es nie geglaubt. Also wird es die „Vormerkung“ am 18. Jänner auf der Website impfservice.wien vornehmen und rätselt, was dann die „Anmeldung“ sein soll, die ab 1. Februar stattfindet.

Hans Winkler war langjähriger Leiter der Wiener Redaktion der „Kleinen Zeitung“ und ist Kolumnist der „Presse“. Er ist knapp unter 80, seine Frau knapp über 80.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2021)