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Geografie

Die beste Lösung ist, die Mure erst gar nicht entstehen zu lassen

Eine der zwanzig Versuchsstellen des EU-Projekts „Phusicos“ im Tiroler Kaunertal.
Eine der zwanzig Versuchsstellen des EU-Projekts „Phusicos“ im Tiroler Kaunertal.Stefan Haselberger
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Im Tiroler Kaunertal arbeitet ein Forschungsteam daran, Vermurungen mit naturbasierten Lösungen anstatt mit technischen Verbauungen zu begegnen. Eine spezielle Saatgutmischung soll Erosion auf bereits stark abgetragenen Flächen verhindern.

So erfolgreich sich die Menschheit im Kampf gegen Naturkatastrophen die Technik zunutze gemacht hat, so faszinierend erscheint gerade in Zeiten des Klimawandels die Option, anstatt technischer Bauten und Anlagen auf Möglichkeiten zu setzen, die die Natur selbst bietet, um Gefahren einzudämmen oder gar nicht entstehen zu lassen.

Naturbasierte Lösungen (Nature-based Solutions) nennt sich dieser Forschungsansatz, den Geomorphologen im EU-Projekt „Phusicos“ verfolgen. In sieben europäischen Ländern – Norwegen, Frankreich, Spanien, Andorra, Deutschland, Italien und Österreich – untersuchen Forscherinnen und Forscher derartige Lösungen, um hydrometeorologische Risken zu minimieren, zum Beispiel Hangrutschungen und Vermurungen nach Starkregen.

Naturpark mit großen Murenbecken

Die österreichische Projektgruppe ist vor allem im Tiroler Kaunertal im Einsatz – einer Region, die zum einen als Naturpark bekannt ist, zum anderen durch vermehrte Muren- und Lawinenabgänge. „Im Kaunertal erforschen wir, wie die Ausbildung erosionshemmender Eigenschaften der natürlichen Pioniervegetation unterstützt werden kann und damit zur Verbesserung der Hangstabilität beiträgt“, sagt Sabine Kraushaar vom Institut für Geografie und Regionalforschung der Uni Wien, die das „Phusicos“-Projekt in Österreich leitet. Ihr Team arbeitet mit Geomorphologen und Ökologen der Universitäten Salzburg und Marburg zusammen. Ziel der Forschergruppe ist es, zu analysieren, ob eine spezielle Saatgutmischung auf stark abgetragenen Flächen Erosion besonders gut zu verhindern vermag.

Naturbasierte Lösungen an sich seien nichts Neues, so die Forscherin. Im Grunde treffe dieser Terminus – bedingt durch die breite Definition der EU-Kommission – sowohl auf einen gefällten, toten und gegen Steinschlag umgelegten Baum als auch auf jeden begrünten Damm zu. Neu sei jedoch der derzeitige Fokus der EU darauf. „Er hat das Potenzial, Probleme verstärkt von der Ursache her zu denken.“

Im Kaunertal seien naturbasierte Lösungen zum Beispiel in den Erosionsgebieten der großen Murenrinnen und -becken denkbar. „Das könnte natürlich auf der einen Seite einfach eine Begrünung dieser Murenbeckenwände sein, auf der anderen Seite aber auch eine Lösung wie die, an der wir gerade arbeiten: Die Stabilisierung des Hangs durch Vegetation, sodass eine Mure bestenfalls überhaupt nicht erst entstehen kann. Die naturbasierte Lösung wirkt damit nicht erst, wenn die Mure zum Beispiel das Tal erreicht hat, sondern schon am Entstehungsort Hang. Das heißt, sie wird im optimalen Fall erst gar nicht ausgelöst.“

Lokale Mikroben gegen Bodenverlust

Erste Resultate zeigen sich einerseits in Bezug auf die Saatgutmischung. So seien bereits mehrere natürliche Pflanzen mit erosionshemmenden Funktionalitäten – großen Blättern, früher Keimung, dichtem Wurzelwerk – für die Höhenlage von 2300 bis 2500 Meter ausgewiesen. „Im Labor konnten die Auswirkungen von lokalen Kaunertaler Mikroben auf die Kaunertaler Pflanzen getestet werden. Es wurden verschiedene Mikroben gefunden, die die Pflanzen in der Ausbildung der erosionshemmenden Eigenschaften unterstützen“, so Kraushaar. „Diesen Herbst wurde Saatgut samt Mikroben ausgebracht, und wir hoffen, erste Ergebnisse im Feld im Sommer 2021 messen zu können.“

Einen Schwerpunkt legt das „Phusicos“-Projekt auf Resultate im Sinne eines „Living Lab“, also einer Ko-Entwicklung von Wissen mit lokalen Interessengruppen und Endnutzern im Kaunertal. Derartige Konzepte würden in vielen Projekten nicht mit letzter Konsequenz umgesetzt, sagt Kraushaar. In „Phusicos“ werde dieser Ansatz aber sehr ernst genommen. „Jeder im Projekt bewertet jede anvisierte Lösung unter anderem unter diesem Kriterium. Nur wenn sie einen Mindeststandard erfüllt, wird dafür das geplante Geld auch wirklich ausgegeben. Das bürgt für viel Aufwand und Schwierigkeiten, aber bietet gleichzeitig ein hohes Level an Austausch zwischen den Projektmitgliedern sowie an Qualitätsmanagement.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2021)