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Die Stadt gehört wieder sich selbst . . .

Portugal. Lissabon im Winter: leer an Touristen, melancholisch in der Grundstimmung, doch gemütlich. Eine poetische Betrachtung aus der Vor-Corona-Perspektive, die wohl auch jetzt zwischen den Lockdowns Bestand haben kann.

Winter ist, wenn es sonnig ist und die Menschen in Lissabon Jacken tragen. Portugals Hauptstadt atmet dann kräftig durch, und ihr Atem riecht genauso, wie er aussieht, durchsichtig, windig, warm, atlantisch gereinigter Ozon. Von den Menschen, die immer in neue Länder reisen müssen, um zu reisen, und darauf hoffen, dass die Länder das Reisen für sie übernehmen, sieht man wenige, und die, die man sieht, tragen keine Jacke, sondern nur das, womit sie Winter auf Südeuropäisch übersetzt haben.

So sind die Plätze frei und die Wege leer. Der Rauch von Esskastanien liegt in der Luft. Man kann die Luft sehen, wie sie auf den Plätzen liegt und durch kahle Bäume weht und alles kleiner macht, gemütlicher, erwartungsloser, pariserischer, melancholischer, irgendetwas mit der Stadt macht, was weiß ich, was es macht, aber man schaut jedes Mal auf die Plätze der Stadt und fragt sich aufs Neue, was genau diese Luft mit der Stadt macht.


Apfelkuchen und Wermut

In der Calçada da Figueira kann man es ganz deutlich sehen. Dort halten sich die letzten Orangen an Bäumen fest, Treppen steigen und Bögen schwingen, Statuen wachen über den Dingen und gelbes Laternenlicht vermengt sich mit dem Rauch der Esskastanien, der in Lissabon so etwas ist wie Schnee, ein Zeichen des Winters. Noch einmal die Erinnerung daran, dass kein Sommer ist.

In den Parks kann man es auch sehen, auf einer Bank sitzend, von der man die über den Fluss und die Ebene bis zu den Bergen hinüberschaut. Niemand weit und breit, nur ganz hinten, am Ende des Parks, auf einer Bank, von der man gar nichts sehen kann, zwei Typen mit Handschuhen, die Gras rauchen. Die Sonne zieht sich zurück, zieht flach über die Hügel und mit ihr die Schatten, die nicht so scharfkantig sind, wie die des Sommers.

Es wird früh dunkel in diesen Tagen, lang bevor die Tage zu Ende sind. Sobald es dunkel genug geworden ist, geht in den Laternen die Straßenbeleuchtung auf, und die Nacht beginnt. Die Dämmerstunde, diesen Riss im Universum, der nicht mehr Tag, aber auch noch nicht Nacht ist und die Welt stillsteht, Lissabons blaue Stunde, sollte man noch in einem Café verbringen und sich von einer Portugiesin Apfelkuchen servieren lassen, der schmeckt wie Weihnachten im Februar. Wie ein „Alles wird gut!“. Dazu einen kleinen Kaffee und ein Gläschen Wermut, und die Tage werden schön, sogar die schlechten.

Kragen hinauf, Hände in die Manteltaschen. Gut aufgewärmt und mit ein wenig Schlagseite geht's los, durch enge, schwere Gassen, die so eng sind, dass man kaum noch Schlagseite haben kann. Der Boden ist holprig, gar nicht für Rollkoffer geeignet, und die Luft riecht frisch gewaschen, egal, wie hoch sich der Müll unter den Wäscheleinen stapelt. Die Straßenlaternen scheinen zusammen mit den Auslagen der Schaufenster auf die Wege, und es ist sehr schön, von den Wegen aus ins Leben zu blicken.

Wer sich hier verläuft, ist auf dem richtigen Weg, das Smartphone einfach einmal steckenlassen. Denn umso weiter man bereit ist, in dieses Undiktierte, Nicht-Vorgekaute vorzudringen, umso mehr Straßen eines inneren Labyrinths werden frei, Straßen ohne Ziel, Straßen, die man gern geht, obwohl sie nirgendwo hinführen. Ortlose Orte, die durch Bänke und Bäume erst zu richtigen Plätzen werden. Schatten und Straßen und Treppen und immer wieder dieser Fluss. Dinge, die gar nicht so sehenswürdig aussehen, aber plötzlich Konturen bekommen, auftauen, wie Attraktionen, die nur über die Wintermonate von den vielen Touristen freigelegt werden.


Waren einer vergangenen Zeit

Da links ist ein Laden für Hüte und Stöcke. Nichts anderes wird da verkauft, nur Sachen, die sich lang bewährt haben, Hüte und Stöcke, seit 1889. Direkt daneben, ein kleines Atelier, in dem ein krummes Schneiderlein, seit Generationen, Maßanzüge anfertigt. Wundervolle Anzüge in makellosem Beerdigungsschwarz oder altmodischem Waschblau, mit Nadelstreifen, klassische Panamas und Westen, die sich anschmiegen, als wäre man gerade mit ihnen auf die Welt gekommen. Sich in so einem Laden einen Anzug schneidern zu lassen ist eine durch nichts zu ersetzende Erfahrung. Am schönsten, aber strahlen die Auslagen der Antiquitätenhändler, die aus wertlosem Zeug und sehr wertvollem Zeug bestehen, das man wohlhabenden Familien aus den Kolonien geklaut hat, während man die Männer ermordete, ihre Frauen vergewaltigte und die Kinder zu Sklaven machte.

Am Eingang solcher Läden stehen immer nette Herren mit wirrem Haar, von geistigen Leidenschaften gezeichnet. Sie verkaufen Waren einer vergangenen Zeit. Schreibtische, die Sekretäre sind, vollkommen auf geistige Arbeit ausgerichtet, Ständer, die Jacketts halten, Briefbeschwerer, Taschenuhren, Halterungen für teure Kugelschreiber, Silberdosen für Wertvolles, Schnapskaraffen, Dinge, die gebaut wurden, damit sie Jahrhunderte halten, religiöser Plunder, Gefühlsspender, goldene Bilderrahmen, Gegenstände zum Hinstellen, aus Holz, Glas, Leder und Metall. Und überall Bücher, alles voller Bücher. Sie stehen in Regalen oder in Einkaufssäcken herum, und man hofft, dass die eigene Büchersammlung eines Tages nicht auch in solchen Einkaufssäcken herumsteht, leblos, nass, unausgepackt.


Im Sommer die Luft draußen

Im Sommer ist das alles anders, da schließen die Läden, bevor ihre Auslagen scheinen können. Die Menschen schließen ihre Auslagen ab und gehen dann einfach so weg, eilig irgendwo hin. Eigentlich ist im Sommer die Luft aus Lissabon ganz weg. Es ist zum Ersticken. Zu viele Aufsauger. Keine Lebensgefühlbeisteuerer. Vom Lebensgefühl ist nichts mehr übrig.

Es ist nicht jene Winterwelt, die aus Luft und Licht besteht, so herrlich hässlich, schön und kalt oder einfach leer und trotzdem voller Sonne. Aber Lissabon ist nicht nur schön, weil das Wetter woanders meistens bescheiden ist. Die Stadt zählt mit 2800 Sonnenstunden zu den sonnigsten Europas, hinter Valletta und hinter Marseille.

Sogar wenn ein Sturm aufzieht und den Regen vom Atlantik bringt, der apokalyptische Wind weht und es immer so aussieht, als würde es jeden Moment losgehen, runterkommen, mit aller Gewalt aus dem Himmel brechen, öffnet sich der Himmel plötzlich genau dort, wo das Castelo São Jorge steht. Das Wahrzeichen der Stadt, so wie es alle sehen und jeder in Erinnerung hat, und strahlt die Burg an, bis sie glüht wie Wintergold, strahlt im einzigen Sonnenlicht des Tages.


Künstler, Literaten, Könige

Die Bäume auf der Burg wehen im Wind, die Stunde der Aperitifs ist gekommen. Man atmet Götterluft, dem Himmel so nah, dass die Väter der Stadt von den Sockeln und Rössern steigen, um die Schlösser von den Türmen zu heben, sich vor ihrer Stadt zu verneigen. Tote Künstler, große in Armut krepierte Literaten, König Dom Pedro, wahrhaftig, fleischlich, trinkt und zeugt, aus einer Vergangenheit, die noch Zukunft hatte.

Dann ist wieder alles vorbei und grau und geht einfach so weiter, oder eben nicht, als ob nichts gewesen wäre, war ja auch nichts. Dom Pedros rostige Kanonen könnten sowieso nichts mehr gegen die Feinde unserer Zeit ausrichten: Massentourismus, Immobilienpreise, Traditionssterben.

Bisher ist Lissabon das Jahrhundert nicht anzusehen, viel Altes, Bewahrtes, Bewahrheitetes. Aber man kann es in der Würde der Schuhputzer schwinden sehen, denen die Kunden ausgehen, weil die meisten nur noch Stoffschuhe tragen. In den durch Automaten ersetzten Losverkäufern, in den auf Fahrrädern herumirrenden Messerschärfern, die nichts mehr zum Scharfmachen finden, weil alle wegwerfen, neu kaufen. In der immer lauter werdenden Stille alter Menschen, die an Theken sitzen und auf Bänken Karten spielen, kann man es hören, oder eben nicht, wenn sie von der Geschwindigkeit unserer Zeit überrollt werden.

Ab und zu wird es auch kalt, aber es reicht, seine Jacke am Kragen zu halten, weil man weiß, dass die Kälte hier immer etwas Vorübergehendes ist und die Wege kurz sind. Selbst wenn es tagelang kalt bleibt und nichts mehr warm wird und Sinn hat. Die Wände der Häuser wurden aus Tonpapier gebaut, nur die Wohlhabenden können sich so etwas wie einen Kamin oder eine Heizung leisten. In vielen Wohnungen ist es kälter als draußen, was wieder ein guter Grund wäre, ein Café aufzusuchen oder sich in eine ordentliche Tasca, ein typisches portugiesisches Lokal, zu setzen.

Mit den Tascas ist das so eine Sache, man muss sich auskennen oder Glück haben, denn auf Touristenführer kann man sich zu dieser Jahreszeit nicht verlassen. Außerdem sind Tascas, die Touristen zum Opfer fallen, keine ordentlichen Tascas mehr.

Kälte sollte einen im portugiesischen Winter aber nicht stören, auch nicht die Welt, mit ihren aufgegeilten Überschriften und Dingen, die man träumen und googeln und dann buchen kann. Die Welt und das Wetter sind egal, wie es egal ist, was man isst oder trinkt oder welche Musik läuft, solange man guten Wein trinkt und mit gesundem Hunger isst und das alles in guter Gesellschaft tut.

Der Wein ist blutrot, und das Essen ist schwer und heißt Pernil no Forno (Schweinskeule) oder Borrego Assado (Lamm) oder Cozido à Portuguesa (alles). Es legt einen um, macht einen bereit für das Bett seiner verbrauchten Ferienunterbringung. Schöner wäre es natürlich, in ein himmlisches Hotelbett zu fallen. Die des Avenida Palace, direkt am Rossio, sollen ganz gut gemacht sein. Außerdem hat das Grandhotel eine ausgezeichnete Bar, an der man, auf dem Weg ins Bett, noch einen teuren Aguardente hinterher trinken kann, der alles abtötet, was eine Lebensmittelvergiftung verursachen kann. Die Lobby des Hauses gehört zu den schönsten Lobbys der Stadt, und die Stadt hat viele schöne Lobbys. Sie ist rot und hoch und ganz aus Marmor. Alles ist echt, original und voller Luft, die zur Atmosphäre aufsteigen kann. An der Bar sitzt meistens niemand, und wenn dann nur jemand, der niemand ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2021)