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Unbezahlte "Hauslehrer": Die Schulpflicht der Eltern

Unbezahlte Hauslehrer Schulpflicht Eltern
(c) FABRY Clemens
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Für 480.000 Schüler beginnt die Schule. Die Schule übernimmt zu wenig Verantwortung für die Lernergebnisse, kritisiert ein Experte. Vor allem die Mütter kompensieren dieses Manko.

Wien. Für 480.000 österreichische Schüler in Wien, Niederösterreich und im Burgenland beginnt heute die Schule. Für viele ist wieder einmal das große Zähneklappern angesagt: Bei den Nachprüfungen wird sich zeigen, wie gut – oder schlecht – sich die betroffenen Kinder während der Ferien darauf vorbereitet haben. Gleichzeitig wird gemessen, wie groß die Leistung war, die ihre Eltern dafür erbracht haben. Denn die Kritik daran, wie sehr Mütter und Väter hierzulande vom System in die „Schulpflicht“ genommen werden, wird immer lauter.

Drei Viertel aller Eltern agieren als unbezahlte „Hauslehrer“, erhob die AK Wien vor Kurzem. 126 Millionen Euro werden zusätzlich dazu jedes Jahr für bezahlte Nachhilfe ausgegeben. Schuld daran sei ein Schulsystem, das die Eltern jahrelang „in Geiselhaft“ nehme, wie Josef Zollneritsch meint, Abteilungsleiter Schulpsychologie und Bildungsberatung am Landesschulrat für die Steiermark.

„Die Schule übernimmt zu wenig Verantwortung für Lernergebnisse“, kritisiert Zollneritsch im Gespräch mit der „Presse“. „Hier wird noch immer von dem historischen Konzept ausgegangen, dass die Kinder am Vormittag in der Schule sitzen und am Nachmittag dann mit den Eltern lernen.“ Da Lernen weiterhin vor allem Müttersache sei, belaste diese Situation vor allem die Frauen – und zwar psychisch und physisch. Zollneritsch berichtet von Frauen, die sich gezwungen sähen, ihre Berufstätigkeit aufzugeben, um ihren Kindern durch die Schule zu helfen – „eine untragbare und unzumutbare Situation“.

Betroffen davon sind laut einer Untersuchung der Arbeiterkammer nicht weniger als drei Viertel aller österreichischen Eltern. In einer Ifes-Studie, die zu Beginn des Sommers durchgeführt wurde, erklärten 75 Prozent der Befragten, sie würden mit ihren Kindern lernen. Die AK rechnete dies in Zeit um und kam zu dem Schluss, dass dies fast 50.000 Vollzeitarbeitsplätzen entspricht.

Der höchste Prozentsatz tut dies in der Volksschule – 87 Prozent –, aber selbst in der Oberstufe der AHS ist immer noch fast die Hälfte der Eltern (42 Prozent) gefordert, wenn auch der Großteil davon angibt, „seltener“ beim Lernen aus- und nachhelfen zu müssen.

Besonders schlimm trifft es Eltern mit mehr als einem Kind. In Familien mit mehr als drei Schulkindern spielen die Eltern zu 82 Prozent den unbezahlten Hauslehrer.

 

126 Mio. Euro für Nachhilfe

(c) Die Presse / JV

Wer entweder nicht die Zeit hat oder den Stoff selbst nicht bewältigen kann, muss auf eines der zahlreichen Angebote von außen zurückgreifen. Insgesamt 126Millionen Euro jährlich werden für Nachhilfe ausgegeben, in Wien sind es durchschnittlich 911 Euro pro Kind mit Nachhilfe pro Jahr. Nachhilfekurse in den Ferien belasteten das Familienbudget mit bis zu 600 Euro.

Kein Wunder, dass mittlerweile Bildungsexperten einhellig zu dem Schluss kommen, dass der Schulerfolg von Kindern vor allem von einem abhänge: von der wirtschaftlichen Situation der Eltern und dem finanziellen und intellektuellen Einsatz, mit dem sich diese um den schulischen Fortschritt ihrer Kinder kümmern.

 

„Eltern-Kind-Verhältnis leidet“

Wie viele andere Schulpsychologen warnt allerdings Josef Zollneritsch vor den Gefahren, die in einer allzu sehr vom Lernen dominierten Atmosphäre lauern. Seiner Meinung nach wird ein Familienklima, in dem das Hauptthema zwischen Eltern und Kindern die Schule ist, potenziell stark belastet. „Das Eltern-Kind-Verhältnis leidet massiv unter einer solchen Situation. Und nicht nur das betroffene Kind. Es bildet sich eine schwarze Wolke, der schwer zu entkommen ist.“ Auch Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) stellt sich Familienleben anders vor: „Eltern sollten ihre Kinder heute nicht vorrangig mit Lernen begleiten, sondern vor allem mit Werten und Haltungen“, sagte sie der „Presse“.

Die Kritik am Status quo aus den einzelnen politischen Lagern klingt angesichts des festgefahrenen Streits um die Zukunft des Schulsystems erstaunlich einhellig. „Schule muss besser gelingen und de facto ohne Nachhilfe auskommen“, meint etwa Schmied. Clemens Steindl, Präsident des Katholischen Familienverbandes Österreichs, verurteilt den „bildungspolitischen Missstand“, dass Eltern derart viel Geld und Zeit für die Nachhilfe ihrer Kinder aufwenden müssen. Eltern dürften nicht für die Schwächen des Bildungssystems bezahlen. Der Bildungssprecher der Grünen, Harald Walser, meint, dass das österreichische Schulsystem die Verantwortung für das Weiterkommen der Kinder an die Eltern delegiere.

Bei der Lösung des Problems prallen dann allerdings bereits wieder die ideologischen Gegensätze aufeinander. Während die SPÖ und die Grünen als Ausweg auf eine Ganztagsgesamtschule setzen, lehnt die ÖVP dieses Konzept vehement ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2010)