Konflikte in der Schule: Lehrer oft überfordert

Konflikte Schule Lehrer ueberfordert
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Die Lösung von Konflikts bleibt oft Aufgabe des Lehrers. Flächendeckende Konzepte fehlen. Die Anzahl von Schulpsychologen und Vertrauenslehrern ist zu gering, so die Kritik. Benötigt das System Hilfe von außen?

Wien. Angst vor Mitschülern, Probleme mit dem Lehrer, Versagensängste: Bei dem Gedanken, wieder zurück auf die Schulbank zu müssen, haben viele Schüler ein mulmiges Gefühl. Neben den schulischen Herausforderungen sind es oft zwischenmenschliche Konflikte, die den Kindern und Lehrern den Schulalltag erschweren. Abseits von kleineren Auseinandersetzungen ist mittlerweile auch echtes Mobbing ein häufiges Problem.

Viele Schulen bemühen sich daher, Projekte zur Konfliktregelung und Gewaltprävention umzusetzen. Dennoch: Von einem flächendeckenden System zur Betreuung von Schülern in Konfliktsituationen ist man im österreichischen Bildungssystem weit entfernt. Die Lehrer sind oft auf sich allein gestellt. Es sind bestenfalls Einzelprojekte, die erste Erfolge zeigen.

Im Unterrichtsministerium ist bis heute nicht einmal bekannt, wie viele Programme für soziales Lernen und Konfliktlösungsstrukturen bereits implementiert wurden. Bei einer vom Ministerium zu diesem Thema in Auftrag gegebenen Onlineerhebung antwortete nur rund die Hälfte der angeschriebenen Schulen. Trotz des geringen Rücklaufs lassen sich gewisse Tendenzen erkennen. So geben rund 45 Prozent der teilnehmenden Schulen an, über ein derartiges Programm zu verfügen. In 75 Prozent der Fälle ist die Akzeptanz dafür hoch (Details siehe Factbox).

Wenn Schüler Schülern helfen

Eines der erfolgreichsten Programme scheint dabei die Peer-Mediation zu sein. Dabei werden Schüler selbst zu „Peer-Mediatoren“, also Streitschlichtern, ausgebildet. Sie sollen so bei Konflikten zwischen etwa gleichaltrigen Jugendlichen vermitteln können. Erfahrungsgemäß wird die Streitschlichtung durch zum Teil ältere Mitschüler besser angenommen als das Eingreifen von Erwachsenen.

Und dennoch sind auch Lehrer Teil des Projekts. Als Coaches sind sie dafür zuständig, die Schüler auszubilden und zu begleiten. Voraussetzung dafür ist eine Ausbildung zum Coach für Peer-Mediation. Problem dabei: Der Arbeitseinsatz der Lehrer erfolgt oftmals auf rein freiwilliger Basis. Die Ausbildung zum Coach wird überwiegend in der Freizeit absolviert. Bei einer Ausbildungsdauer von rund 650 Stunden ist das ein sehr hoher freiwilliger Arbeitseinsatz.

Auch wenn die Peer-Mediation ein erfolgreiches Modell ist, ist nicht jeder Konflikt für diese Form der Mediation geeignet. Primär werden durch diese Methode kleine Streitigkeiten im Klassenverband gelöst. „Es ist wichtig, die Schüler dabei nicht zu überfordern“, meint die Schulpsychologin Mathilde Zeman vom Stadtschulrat Wien. Komplexe Konflikte können auf dieser Basis also nicht gelöst werden.

Vertrauenslehrer fehlen

Doch was tun, wenn man tatsächlich gemobbt wird? Eine eindeutige Antwort gibt es darauf nicht. Die Anzahl von Schulpsychologen und Vertrauenslehrern ist zu gering, so die Kritik. Meist ist also ein vertrauter Lehrer oder der Klassenvorstand der erste Ansprechpartner. Neben der eigentlichen Lehrtätigkeit schlüpfen die Lehrer oftmals in die Rolle des Mediators, Sozialarbeiters oder gar Psychologen. Ein Spagat, der kaum zu meistern ist. „Heikle Situationen können nicht nebenbei gemanagt werden“, warnt etwa der Sprecher des Österreichischen Bundesverbandes für Mediation (ÖBM), Marianus Mautner.

Einmal mehr scheint das finnische Schulsystem dem österreichischen einen Schritt voraus zu sein. Hier gehören neben den Lehrern auch Schulschwestern, Kuratoren, Schulpsychologen und Speziallehrer zum Personal. Gibt es Konflikte sozialer Natur, so ist es nicht Aufgabe des Klassenlehrers, diese zu lösen, sondern jene des Kurators, der eine eigene sozialpädagogische Ausbildung absolviert hat.

An diesem Punkt möchte nun der Österreichische Verband für Mediation ansetzen. Mit einer Infokampagne zum Thema „Schulmediation“ soll Schülern, Lehrern und vor allem den Schulleitungen das Mediationskonzept nähergebracht werden, erklärt Mautner im Gespräch mit der „Presse“. Die Hilfe von außen soll als Chance gesehen werden.

Ministerium gegen externe Hilfe

Die Möglichkeit, externe Mediatoren hinzuzuziehen, gibt es zwar, genützt wird sie bislang aber eher selten. „Die Hemmschwelle, jemanden von außen hinzuzuholen, ist relativ hoch“, meint Mautner. Genau das sei aber enorm wichtig. Zum einen könnten die Lehrer entlastet werden, zum anderen sei es oftmals auch besser, wenn der Streit durch einen Systemfremden gelöst werde.

Im Unterrichtsministerium wird eine solche externe Hilfe nicht gefördert. Bei der Finanzierung ist man oft vom Wohlwollen des Elternvereins oder gar eines Sponsors abhängig. Das Ministerium sei nicht bereit, Ressourcen für Hilfe von Dritten bereitzustellen, beklagt Mautner.

Nicht zuletzt deshalb bleibt die Lösung des Konflikts oft Aufgabe des Lehrers.

FAKTEN

Studie. Eine Online-Erhebung des Ministeriums bestätigt die positive Wirkung von Projekten zur Konfliktlösung. Die Akzeptanz ist hoch: In rund 75 Prozent der Fälle lassen sich eine verbesserte Kommunikation sowie eine besser Beziehung zwischen den Schülern erkennen. Zwischen den Schularten zeigt sich aber ein deutliches Gefällen: Während derartige Programme in 78 Prozent der AHS zum Einsatz kommen, sind es in Hauptschulen lediglich 45 Prozent. In den Berufsschulen sind es gar nur 18 Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2010)

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