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Glaubensfrage

Coronastresstest: Nicht bestanden

Das ist das Ergebnis im viel zu lange laufenden großen Coronastresstest. Gilt nicht nur für Politiker, sondern für uns alle.

Ein Vorschlag, wie geschaffen für einen Tag nach all den Demos gegen Lockdown, Impfen etc. vom Samstag. Wie geschaffen für einen Sonntag auch: Alle bitte einmal (mindestens einmal) tief atmen. Ein – und – aus. Gut.

Es stimmt, die unvermittelt wie aus dem Nichts auferlegten Belastungen sind schier nicht mehr zu ertragen. Alle im Gesundheitswesen, in der Wirtschaft, der Politik leiden, die Gesellschaft insgesamt leidet, jeder Einzelne. Das Coronavirus Sars-CoV-2 mitsamt seinen Mutanten wird als Zumutung empfunden. Zu Recht.

Wohl zu Unrecht hat Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel im Zusammenhang mit der Pandemie sogar von einer demokratischen Zumutung gesprochen. Wie Konrad Paul Liessmann in der „Kleinen Zeitung“ erwiderte, war die „Verwechslung von unangenehmen und ökonomisch prekären Restriktionen mit der Einschränkung politischer Rechte ein Denkfehler, der die Krise von Anfang an begleitete“. Der Denkfehler begleitet uns bis heute, wie Kundgebungsteilnehmer vom Samstag bei Eiseskälte in Wien mit Parolen und Transparenten wie „Freiheit Demokratie Friede“ unter Beweis gestellt haben. Als ob tatsächlich Österreichs Freiheit, Demokratie oder der Friede in Gefahr wären.

Dabei gibt es eine Partei, die offen politisch mit diesen Ängsten spielt oder ernsthaft glaubt, vor derartigen Gefahren warnen zu müssen. Die FPÖ – jedenfalls deren starker, von Herbert Kickl dominierter Flügel – ortet das Land auf dem Weg zur Diktatur und sieht bei Kanzler Sebastian Kurz schon auch einmal den Hang zum Totalitarismus. Durch derartige, völlig überzogene Formulierungen und Vergleiche wird das Grauen, das der Begriff Totalitarismus umschreibt, so relativiert und auf unappetitliche Weise verharmlost. Natürlich sollen, ja müssen Lockdown hart, Lockdown light, Schulschließungen, Massentests, Impfstrategie etc. pointiert diskutiert und kritisiert werden (können). Nur sollte – bitte! – ein Mindestmaß an Redlichkeit und Faktenorientiertheit Voraussetzung sein.

So sehen Glaubensfragen heute aus: Wie halten Sie es mit der Impfung? Mit Impfungen generell? Gegner, an denen rationale, faktenbasierte Argumente abprallen, wird dabei unverhältnismäßig breite Beachtung geschenkt. Die lakonische Empfehlung, an die der Wiener Universitätsprofessor und Impfexperte Herwig Kollaritsch bei einer jüngsten Onlinefortbildungsveranstaltung der Österreichischen Ärztekammer erinnert hat: „If you don't like vaccination, try the disease.“ Also: Wenn Sie die Impfung nicht mögen, versuchen Sie es mit der Erkrankung.

Zuletzt die gute Nachricht zum Sonntag: Die Bereitschaft der Österreicher, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen, ist laut einer Umfrage zuletzt gestiegen.

dietmar.neuwirth@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2021)