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Am Herd

Hört endlich den Pflegern zu

Pfleger und Pflegerinnen - von Helden zu den Bösen?
Pfleger und Pflegerinnen - von Helden zu den Bösen?imago images/epd
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Zuerst waren sie Helden, und wir haben sie beklatscht. Nun sind sie die Bösen, weil manche Pfleger und Pflegerinnen sich nicht impfen lassen wollen. Ein Aufruf zur Mäßigung – und zur gerechten Bezahlung.

Ach, wie haben wir sie doch super gefunden. Damals, im März und April, als wir uns zu Hause verkrochen, draußen wütete das Virus, drinnen zagten und bangten wir: Was würde geschehen, mit uns und der Welt, wann könnten wir zurückkehren in unsere Büros, in die Schulen und Geschäfte, in unser Leben? Alles schien auf Stopp gestellt, einige begannen zu häkeln, andere setzten Sauerteig an, und während wir uns überlegten, wie wir die gleichförmigen Tage ertragen würden, gab es andere . . .

Andere, die schufteten wie nie, die waren da draußen, weil wir sie dort brauchten. Manchmal klatschten wir. Manchmal sagten wir laut Danke. Danke, dass Sie da sind, dass Sie die Dinge am Laufen halten.

Ein neues Vokabel wechselte aus dem passiven Wortschatz in den aktiven: systemrelevant. Manche fragten sich, ob da nicht etwas verkehrt laufe, wenn wir jenen, die am wichtigsten sind, am wenigsten bezahlen, doch das hielt nicht lang, es kam die Öffnung, es kam der Sommer, der Herbst, wir hockten wieder in unseren Wohnungen vor den Computern, jammerten über Zoom-Konferenzen und darüber, dass die Maske beim Einkaufen juckt – und überlegten uns, ob wir nicht doch ein paar Freunde treffen, zu Verwandten fahren, einen Ausflug machen sollten. Der Lockdown dauerte schon zu lang!

Trost. Währenddessen hatten die Pflegerinnen und Pfleger keine Wahl. Sie waren dort, wo das Virus war, bei unseren bettlägrigen Großeltern, bei unseren kranken Vätern und Müttern, hielten ihre Hände, strichen ihr Haar, gaben Trost und Nähe, als wir das nicht konnten.

Es ist schwer zu verstehen, dass ausgerechnet jene, die das Sterben miterlebt haben und immer noch miterleben, die doch ein Interesse haben müssten, sich selbst zu schützen, und die, die wir lieben, sich der Impfung verweigern. Ich habe gehört, dahinter stecke auch Trotz. Dahinter steckten Enttäuschung und das Gefühl, wenigstens jetzt selbst entscheiden zu können, über sich, über das Wohl und Wehe des eigenen Körpers, während dauernd andere entschieden haben, welches Risiko sie einzugehen hätten und unter welchen Bedingungen.

Nein, ich kann nicht wirklich nachvollziehen, warum sie etwas ausschlagen, worauf ich so sehnlichst warte, da ich doch lieber heute als morgen, lieber im Jänner als im Februar, lieber im Frühling als im Sommer geimpft werden möchte. Aber ich muss zugestehen: Den Trotz der Pflegerinnen und Pfleger, den haben wir uns verdient. Wir sollten uns endlich anhören, was sie brauchen.

Vielleicht ist dann die Impfung gar kein großes Problem mehr.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

www.diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2021)